1. Kapitel

Das ist der eigentliche Anfang, der allem den Rahmen gibt, der etwas stotzig ist und in dem zwei schlaue Rabenkrähen als Meister der Abschweifungen vorgestellt werden.

Natürlich, man hat᾽s schon tausendmal gesehen. In Schulstuben vielleicht, im Fernsehen, auf Bildern, Schnitzereien mit Gold belegt oder roh, schaurig schön.

Aber wenn man᾽s leibhaftig vor sich hat, keine Kunst, keine Kultur, keine Religion, dann hängt da einfach einer, aufgenagelt hängt da einer mit klaffenden Wunden an dicken Nägeln an der Wand, ächzt und stöhnt, keucht, wimmert. Das ist kein schöner und schon gar kein erhebender Anblick, kein Trost, wenn du kaum den Kopf heben kannst vor Schmerz, runtergezogen vom Gewicht deines eigenen Körpers, der schwer an den dicken Nägeln an der frisch gemauerten Wand hängt. Nichts von der morbiden Eleganz eines aufgespiessten Prachtfalters, nur aufgenageltes, blutendes Fleisch, das dein Körper ist, das du bist.

Irgendwo schlägt eine Turmuhr. Wie spät? Die Schläge verschwimmen, dehnen sich. Acht Uhr ist schon durch. Aber es ist doch noch nicht zehn?

In der Nacht sind sie gekommen. Heute.

Im U stöhnt wieder einer, im Geschoss halb unter der Erde, bei den Hoffnungslosen. Wo es heiss ist und stickig neben dem grossen, alten Heizkessel. Wird wieder Monade sein, der sagt, er lebt in der besten aller Welten, weil er mit uns nix zu tun habe. Aber das sagt er natürlich nur zu sich selbst. Und ganz so einfach ist es ja dann doch nicht, sich selbst zu belügen. Schliesslich haben sie ihn im U versorgt, weil er sich in WC-Kabinen geschlichen hatte, jeweils kurz nachdem jemand länger drin war – die einzige Art und Weise, wie er menschliche Nähe ertrug. Der noch warme Sitzring, der müffelige Verdauungsgeruch von Zwiebeln und Zigaretten. Und jetzt brüllt er in der besten aller Welten.

In der Nacht sind sie gekommen. Hui, haben sie gerufen, Brunner und Steiner, hui, ein Schriftsteller will er sein, der Gerter! Ist das dein Ernst, Gerter? Diesen Bären willst du uns aufbinden? MannMannMann, sagen sie und ihre Stimmen klingen hart. Klaut, was ihm grad so passt, schustert daraus irgendwas zusammen, Reisejournale, Krimis mit billiger Fuselspannung und will ein Schriftsteller sein. Du lausiger Kopist und mieser Kompilator! Als ob wir nicht schon genug Kummer hätten.

Ein Taschenbüchlein von 144 Seiten, auf denen Zeilen und Zeilen und ganze Abschnitte farbig markiert sind, klatscht mir ins Gesicht.

Mieser Kompilator, lausiger Kopist? Was beklagt ihr euch! Ist das etwa das nackt-brutale Plagiat eines geistig Armen? Nach dem alten Recept, wie man ein Buch mache?
Nimm drei oder vier Bücher, ungefähr gleichen Inhaltes, schmeisse sie durcheinander, knete sie in einen Teig, und dann nimm davon nach Belieben mehr oder weniger, mach deine Lebkuchen größer oder kleiner, so hast du ein neues Buch. Sagt dann die böse Welt: ‹Du bist nur ein Zusammenschmierer; es ist nichts eigenes daran, dein Buch ist aus zusammengestohlenen Fetzen gemacht› und dergleichen, so lach du dazu, so ferne sie nur kaufen und zahlen.

NeinNeinNein, ihr stümperhaften Idioten, kommt mir nicht damit. Solche billigen Rezepte interessieren mich nicht. Ganz und gar nicht, und wenn ihr nur den Hauch einer Ahnung von Literatur hättet, könntet ihr sehen, das hier ist eine Zweitformung, versteht ihr das? Eine unvergleichlich besser machende Zweitformung. Meine Aufgabe ist es nicht, mir originelle Handlungen auszudenken, ich mache aus simplen, unbedeutenden Geschichten Literatur, versteht ihr. Erst sorgsam poliert und meisterlich gefasst wird aus dem unförmigen und staubigen Diamanten ein Juwel.

Soso, du machst aus unseren staubigen Diamanten Juwelen, sehr schön, meint Brunner und Steiner höhnt: Nicht mal deine Ausreden sind von dir, sogar die klaust du zusammen. Und sag jetzt nicht, du würdest aus staubigen und unbedeutenden Ausreden Juwelen der Ausredekunst machen, du trauriger Plagiator und jämmerlicher Plagöri. Du bist erledigt, Gerter, als Schreiberling bist du erledigt, mehr als Ostereier beschmieren lässt dich niemand mehr, wenn wir mit dir fertig sind, geifern Brunner und Steiner und stossen mit den Fingern tief in die Wundmale.

Dann wird es dunkel, als hätte jemand einen grossen Stein vor eine Höhle gerollt.

Herr Gerter, aber Herr Gerter, werden Sie wieder von Ihren Dämonen gejagt?

Schwester Sandra fährt mir tröstend mit einem kühlen Lappen über die Stirn. Sandra, ach, immer wieder rettet sie mich. Sie meint es gut, auch wenn sie Zürcher Dialekt spricht.

Vielleicht sollten wir Ihre Medikamente neu einstellen, was meinen Sie. Soll ich mal mit der Frau Doktor sprechen? Oder wollen Sie es nicht doch mal mit Malen versuchen? Das täte Ihnen vielleicht wirklich gut.

Ja, was einem alles guttun soll hier. In die Kunstgruppe, spinnt ihr? Um Verschüttetes zugänglich zu machen, das ich mit Worten mehr verdecke als offenbare. Danke. Ich bin Schriftsteller, ich bin ein behördlich anerkannter und gemeingefährlicher Irrer, der ohne Skrupel Menschen für die Literatur erschossen, aufgeschlitzt und erstochen hat, und ich soll euch hübsch was pinseln und dann gibt’s eine Ausstellung und alle staunen wie doch aus so einem irren Geist ungefiltert die Kunst herausbricht. Ihr habt sie doch nicht alle, blöde Arschlöcher. Gebt mir was zu schreiben, Papier, einen Bleistift, gebt mir endlich einen Stift, dann zeig ich euch, was Kunst ist. Ich hau euch die Welt um die Ohren, zieh euch den Boden unter den Füssen weg. Trümmeln und torkeln sollt ihr und nicht nach oben oder nach unten schauen, denn der Abgrund ist nicht nur unten, sondern auch als Himmel über euch. Glotzt nicht so romantisch! Kneift die Augen zusammen und blinzelt, bis euch schwindlig wird in den tanzenden Buchstaben.

Ich weiss, was ich weiss, Fröschl und Wanninger halten mich auf dem Laufenden. Die meinen hier, ich wisse nichts. Sollen sie meinen. Aber ich weiss, was ich weiss. Wanninger und Fröschl, die erzählen mir alles. Die sind schlau. Schwarz wie Pfaffenkutten, aber schlau. Hocken vor meinem Fenster und hacken den Schnabel ins mürbe Holz.

Fröschl, der ist etwas forscher. Wanninger überlegt gemütlich, bevor er besonnen erzählt. Wanninger und Fröschl, die beiden schlausten Rabenkrähen, die ich je getroffen habe.

Ja, schlau sind sie. Und deshalb wissen sie, es gibt nicht die eine grosse Erzählung, die allem Sinn gibt, es gibt nur Geschichten, Teile von Geschichten, die sich mehr oder minder überlappen, berühren, die vielleicht über Motive miteinander verbunden sind. Fröschl und Wanninger sind keine Illusionisten. Und selbstverständlich scheren sie sich kein bisschen um so etwas wie die Brockhoff’schen Gebote des guten und richtigen Erzählens. Denn was nützt die schönste Ordnung, das saubere Verknüpfen aller Fäden, wenn diese Ordnung nichts mit den Dingen zu tun hat, von denen die Erzählung handeln soll?

Und Fröschl und Wanninger, oh, diese grossen Meister der Abschweifungen, erzählen vom Ballistiker und Forensiker Bastiano Boscardin und von der Fahnderin Krissy Kraut, vom Fahnder Ramon Bieli, vom Journalisten Mario Malavenda, von der Bibliothekarin Laura Dewey, von der Rechtsmedizinerin Gaia Bachofen.

Und hier soll folgen, was mir die beiden Rabenkrähen berichtet haben, nicht lückenlos und mit vielen Umwegen, aber ergreifend, traurig und überraschend genug.

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