7. Kapitel

in dem Boscardin an Bachofens Fuss denkt und Krissy Kraut einen akademischen Schnapsbrenner sucht.

Boscardin war den Aufsatz über Blutspritzer bei aufgesetzten Schüssen nochmal durchgegangen. Viel hatte er nicht mehr zu redigieren gehabt. Ein paar sprachliche Feinheiten, das eine oder andere Komma, das gefehlt hatte, ein paar Tippfehler. Blackspatter statt Backspatter hatte es einmal geheissen.

Ob sich deshalb dieses Bild in seinem fotografischen Gedächtnis nach vorne geschoben hatte? Die Füsse von Gaia Bachofen, im Pathologiesaal der Rechtsmedizin, deutlich in allen Details, mit Sehnen, die sich fein abzeichneten, den perlmuttfarbenen Zehennägeln, einigen Äderchen, die unter der hellen Haut eher zu erahnen als zu sehen waren, und: ein feines, fast schwarzes Muttermal über dem linken kleinen Zeh. Ja, sollte er sich jetzt auch noch für Füsse interessieren?

Boscardin beschloss, sein Quadrantensystem mit den Leberfleckmustern von den Rücken aller seiner Geliebten nicht um den Fusssektor zu erweitern, Gaia Bachofens Fussmuttermal aber gegebenenfalls als interessanten Anhang der Leberfleckmuster in seinem Gedächtnis zu speichern.

Um das Bild von Bachofens Füssen etwas in den Hintergrund zu schieben und vor allem das Gefühl zu verscheuchen, als würde er nackt durch eine föhnige Vollmondnacht rennen, kochte er sich nochmal einen frischen Espresso und las den Artikel, den er aus der Sonntagsausgabe seiner Zeitung herausgerissen hatte.

Sein Cousin Mario Malavenda, einst ein furchtloser Fussball-Goalie und nun ein nicht minder furchtloser Journalist, hatte einen längeren Artikel über die boomenden Privatschulen in der Innerschweiz geschrieben, in denen der Nachwuchs der Reichen und Superreichen aufs Leben als Reiche und Superreiche vorbereitet wurde. Malavendas Text war solide gemacht, gut geschrieben und sicher auch bestens recherchiert. Von Malavenda konnte man nicht weniger erwarten. Aber etwas war da noch, etwas, was nicht im Text stand. So gut kannte Boscardin seinen Cousin. Und er nahm sich vor, ihn bei nächster Gelegenheit danach zu fragen.

Etter, meldete Perutz Kraut und Bieli. Das Sekretariat hat alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erreicht. Alle bis auf Etter, Hannes B. Etter, einen unserer Postdocs.

Hannes B.? fragte Bieli, der abgekürzte Mittelnamen ziemlich affig fand. Aber jemanden, der möglicherweise eine übel zugerichtete Leiche ist, soll man nicht affig finden. So sensibel war sogar Bieli, der sonst als ziemlicher Holzkopf galt.

Hannes B. Etter, ergänzte Perutz. B wie Baptist.

Baptist, nicht schlecht. Johannes der Täufer als Sternenforscher. Na, immerhin hat man uns nicht seinen Kopf in einer Schale serviert, meinte Bieli, der sich als einigermassen bibelfest und nun doch noch als erstklassiger Holzkopf zeigte.

Ich besorg mir gleich die Adresse und schau mal bei diesem Etter vorbei, warf Bieli kurz und knapp hin und stiefelte gleich entschlossen los.

Tu das, wollte Krissy Kraut eigentlich noch sagen, aber Bieli spurtete schon die Treppe hoch. Zu schnell eigentlich für die alltägliche Ermittlungsarbeit, aber schnell genug, um die Waden fürs Fussballspielen ein wenig zu trainieren.

Kann mir jemand etwas mehr zu diesem Hannes B. Etter erzählen?, wandte sich Krissy Kraut wieder Perutz zu.

Der Fassbind kann Ihnen sicher etwas zu Etter erzählen.

Fassbind, auch ein Postdoc?

Genau, und vor allem einer der Schnapsbrenner.

Natürlich wusste Perutz, dass er dazu noch einen oder zwei Sätze nachliefern musste. Also: Fassbind und Etter, das sind unsere Schnapsbrenner.

Haha, Fassbind und Etter, die Schnapsbrenner, immerhin haben sie nichts mit Schneesport zu tun, hätte Krissy Kraut denken können. Aber wir wollen hier ja keine alten Geschichten aufwärmen.

Wissen Sie, erklärte Perutz, wir haben hier eine ganze Menge an Material, das extra für ganz spezielle Experimente oder Forschungsprogramme gefertigt wurde. Das eine oder andere macht sich sehr gut als Ausstellungsobjekt. Die gigantische Goldringtraube, die von der Decke der Bibliothek hängt, zum Beispiel oder der Kupferzylinder, der vor dem Eingang auf der Schanze steht. Nun, unsere Schnapsbrenner benutzen eine kleinere Vakuumkammer, die nicht mehr in Gebrauch ist, für ihre privaten Experimente. Sie versuchen im Vakuum bei nur leichter Erhitzung, also möglichst nahe an der Raumtemperatur, den Alkohol aus der Maische zu destillieren. Soll etwas fruchtiger schmecken, hab ich mir sagen lassen.

Krissy Kraut kannte sich wenig aus mit Schnaps. Ihr Nachbar Wegge, der Musiker, bekam gelegentlich eine Flasche Zwetschgenschnaps oder Chrütter von einem Kollegen, der selbst brannte. Und so plusminus hatte sie auch verstanden, wie das funktioniert. Früchte zur Maische vergären lassen, kochen und dabei den Alkohol herausdestillieren.

Gut, und die beiden Schnapsbrenner hier am Institut versuchten anscheinend, die Maische im Vakuum nahe der Zimmertemperatur zum Kochen zu bringen. Aha. Von mir aus.

Dieser Fassbind… Er müsste da sein. Schaun wir mal in seinem Büro vorbei, gleich da den Gang runter links.

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