8. Kapitel

in dem Krissy Kraut ein Glas mit Heuschrecken in der Hand hält und sich fragt, warum es immer ums Kochen geht, wenn einer umgebracht wird.

Fassbind sass in einem engen Schlauch von einem Büro, in dem zwei Schreibtische mit übergrossen Computerbildschirmen standen. Trübes Tageslicht fiel durchs Fenster vom Innenhof herein.

Die Haare hatte Fassbind lose zu einem schütteren Pferdeschwanz zusammengebunden, am Kinn spriesste sparsam ein Bärtchen, die Füsse steckten in ausgetretenen Birkenstocks. Fassbind trug ein etwas unförmiges rotes T-Shirt mit dem Aufdruck «Was ich forsche? Fragen Sie mich einfach.»

Aber was Fassbind forschte, interessierte Krissy Kraut nur mässig. Sie wollte von Fassbind lieber wissen, wann er Etter zum letzten Mal gesehen hatte und wo er am Donnerstagabend etwa um acht Uhr war.

Donnerstagabend, so gegen acht Uhr? 7°25’99“ Ost und 46°57’00“ Nord, 563 Meter über Meer.

Krissy Kraut gingen diese Wissenschafter gelegentlich dann mal auf die Nerven. Zwischen ihren Augenbrauen zeigte sich eine Falte, die auch einen Sternenforscher hätte beunruhigen sollen.

Und so fügte Fassbind rasch an:
7°25’99“ Ost und 46°57’00“, das sind die Koordinaten der kleinen Sternwarte in der Muesmatt. Etter und ich, wir hatten noch einen Hafen voll Kirschmaische in der kleinen Vakuumkammer destilliert. Er wollte dann hier im Büro noch etwas erledigen und ich bin rüber zur Sternwarte. Da mache ich gelegentlich Führungen. Das Wetter war aber nicht besonders gut. Leichter Nebel, da sieht man nicht viel.

Fassbind hatte den Mondschnitz in 70facher und 330facher Vergrösserung zeigen können; die plastisch, warzig im Seitenschlaglicht abstehenden Kraterränder. Dann hatte er mit der grossen Handkurbel die Holzkuppel rumpelnd und ratternd herumgedreht und das raumhohe Linsenteleskop umständlich und mit vielem Hin und Her noch auf ein Stück der Plejaden ausrichten können. Zu hören war nur das Ticken des aufziehbaren Werkes mit Fliehkraftregler, das die Erddrehung ausglich und den klassischen Refraktor mit 17,5 Zentimetern Durchmesser und drei Metern Brennweite tictictic über den Nachthimmel führte.

Sicher gibt’s für Ihre Führung eine hübsche Anzahl Zeugen, fragte Kraut routinemässig.

So viele waren’s nicht. Aber dieser Forensiker oder Ballistiker des Rechtsmedizinischen Instituts, wie heisst er gleich schon wieder, war auch da. Ich nehme an, Sie kennen sich.

Boscardin?

Genau, Professor Boscardin, der war am Donnerstag auch dabei.

Boscardin interessiert sich für Astronomie?

Seit ein paar Wochen kommt er gelegentlich zu unseren Führungen, ja. Es scheint so, als habe er sich schon einige Standardwerke und Fachaufsätze zur Astronomie und Astrophysik angeschaut. Ich glaube, er kennt schon gegen 6000 Sterne auswendig. Er hat mir mal erklärt, die Sternen- und Galaxienmuster würden ihn von anderen Mustern ablenken. Aber was das genau für Muster sein sollen und wieso er sich davon ablenken muss, das hat er nicht erzählt.

Da brauchte Kraut nicht lange zu studieren. Etwas verlegen kratzte sie sich unter dem Saum ihres etwas hochgerutschten Leibchens, gut drei Handbreit über dem Steiss.

Das ist Etters Arbeitsplatz? wechselte sie das Thema und zeigte auf den zweiten Schreibtisch im engen Raum.

Fassbind nickte.

Und was um Himmels willen ist das? Kraut zog einen feinen blauen Latexhandschuh über ihre rechte Hand und langte nach dem Konfitürenglas, das neben Etters Tastatur stand.

Was hat Insektenforschung mit dem Weltraum zu tun? Stellen Sie sich so das Leben auf anderen Planeten vor?

Im Glas, das Kraut nun hochhielt, lag ein gutes Dutzend grosser präparierter Heuschrecken.

Fassbind lächelte. Etter ist kein Insektenforscher, er ist Entomophage, ein Insektenesser. Die Tierlein sind seine Zwischenmalzeit. Heuschrecken im Honigmantel, die mag er besonders. Hochwertiges Eiweiss, Mineralien und so weiter, sagt er immer. Einfach und mit wenig Energie in grossen Mengen herzustellen, weniger klimaschädigend als die Fleischproduktion. Und billig.

Kraut stellte das Glas wieder auf den Tisch zurück und schaute es skeptisch an.

Ich hab mal eine versucht, ergänzte Fassbind. Gar nicht so schlecht. Knusprig, feiner Geschmack, gut, aber mit dem Chitinpanzer zerbeisst man ja auch ein paar Augen, Magen, Darm. Eine unschöne Vorstellung. Also meins ist das nicht. Etter aber ist richtiggehend enthusiastisch. Jetzt, wo Insekten als Nahrungsmittel zugelassen sind, will er mit seinem Cousin in den Import einzusteigen oder ein Insektenkochbuch schreiben, irgendsowas.

Wieso geht’s eigentlich immer ums Kochen, wenn einer umgebracht wird, fragte sich Kraut, wurde aber von ihrem Telefon gleich wieder aus ihren Gedanken gerissen. Bielis Klingelton.

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