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10. Kapitel

in dem jemand mit einem Drohbrief sehr zufrieden ist.

Wir fordern mindestens ein veganes Menü täglich in allen Mensen der Universität. Die Universität stellt subito alle Tierversuche ein, das neue Laborgebäude mit der verdreifachten Fläche für Versuchstiere wird nicht gebaut. Die Universität richtet Professuren ein für Tierethik und für Tierschutz und für Tierrecht und führt sie in einem interdisziplinären Zentrum mit internationaler Ausstrahlung zusammen.

Die Universität setzt sich für ein nationales Forschungsprogramm ein, das die physiologischen und vor allem psychischen Schäden durch Fleischkonsum bestätigt.

Bei Berufungen werden nur noch BewerberInnen berücksichtigt, die sich zum veganen Leben bekennen. Studierende, die vegan leben, werden von den Studiengebühren befreit.

Hmm, nein, das ist wohl grad etwas zu dick aufgetragen.

Bei Berufungen werden nur noch BewerberInnen berücksichtigt, die sich zum veganen Leben bekennen. Studierende, die vegan leben, werden von den Studiengebühren befreit.

Lieber noch eine schöne Drohung zum Schluss.

Wer Tiere tötet, ist ein Mörder und muss bestraft werden. Wir werden ihn bestrafen.

Das Framing. Fast hatte sie das Framing vergessen, das Framing ist wichtig, wozu hat sie sich durch die ganzen kognitionspsychologischen Studien gearbeitet. Boroditsky, Kaup, Foroni, Gamez-Djokic, Druckman, Slotus, Tversky, Bargh, Thibodeau, Kahnemann und wie sie alle heissen.

Mit Schlüsselwörtern gleich einen Rahmen setzen, der die folgenden Handlungen, das Denken und – kaum zu glauben – sogar die Körperfunktionen bestimmt. Zum Beispiel den Rahmen unheimliche Bedrohung, tödliche Gefahr. Der Atem wird schneller gehen, der Körper spannt sich an, Stresshormone, Adrenalin werden ausgeschüttet, und der letzte Funken Vernunft ist ausgeschaltet.

Also muss die Drohung an den Anfang. Mit ihr setzt sie den Rahmen.

Wer Tiere tötet, ist ein Mörder und muss bestraft werden. Wir werden ihn bestrafen.

Töten, Mörder, Schuld, Strafe – das müsste als Frame funktionieren. Die Forderungen, die danach kommen, sind dann nur noch ein irrer Gedankentanz, der die Bestrafung umso bedrohlicher macht je weniger die Forderungen erfüllt werden können.

Kira Wilhelmina Reinmuth las ihren Text nochmal durch. Sie war zufrieden wie selten mit einem ihrer Texte. Der nächste würde noch etwas schärfer und noch etwas heftiger werden.

Kira Wilhelmina Reinmuth lächelte. Es hatte noch etwas Zeit mit dem nächsten Brief, zwei, drei Tage vielleicht. Aber sie freute sich schon darauf.

Wie sie auf Etter gekommen war, wusste sie nicht mehr so genau. Zufall oder irgend so etwas. Denn was sollte eine Kira Wilhelmina Reinmuth mit diesem Sternen- und Weltraumdings zu tun haben? Eben. Das war der erste Brief gewesen, der an Etter. Ganz gut gelungen, ein bisschen irr und wirr, und so sollte es auch sein. Etwas Unberechenbares sollte mitschwingen, das Irrationale war bedrohlicher als das Berechenbare.

Buhuhuu, sie kicherte eher albern als unheimlich.

Und Hass muss zu spüren sein, klar. Am Hass musste sie noch arbeiten. Mit Hass kannst du jede Leerstelle in dir füllen, jedes Loch im Ich. Und je löchriger dein Ich, desto mehr Hass brauchst du, eine einfache Rechnung.

Hass ist ein nützliches Gefühl, und Hass ist ein grossartiges Gefühl. Hass gibt dir immer Recht, und wer immer Recht hat, ist gefährlich. Wer Recht hat, kann die Welt in Schutt und Asche legen. Du stehst mitten in einem Gemetzel, mit einem Lächeln im Gesicht. Du hast alles richtig gemacht. Die Gewalt macht dich gross, übergross. Deine Gewalt ist ein Richten, ein endgültiges. Du bist der Weltuntergang.

Das werden sie spüren, riechen, fürchten. Es geht nicht um eine reale Bedrohung, nein, nicht um ein sich abzeichnendes Unheil. Es geht um die Angst vor der Bedrohung, die blanke und diffuse Angst. Und auch die, die sich in ihren Denkersesseln zurücklehnen wollen, sich philosophisch eine Tabakspfeife anzünden und sagen: Moment, schauen wir doch mal genau, was hier eigentlich passiert. Ha. Auch euch werde ich kriegen, irgendwo guckt ganz sicher ein Zipfelchen Angst raus. Schon hab ich euch. Wer die Angst steuert, steuert die Menschen.

Wer Tiere tötet, ist ein Mörder und muss bestraft werden. Wir werden ihn jagen wie die Reiter der Apokalypse. Wir werden ihn bestrafen.

Wer die Macht über die inneren Bilder hat, wer es vor dem inneren Auge der Menschen Blut regnen lassen kann, hat sie in der Hand.

Kira Wilhelmina Reinmuth fühlte sich gut, fast so gut wie damals, als sie zum ersten Mal als Conny Comet auf der Bühne gestanden und den Poetry Slam gleich gewonnen hatte. Etwas Rhythmisches hatte sie sich vorgenommen, etwas mit vielen Wiederholungen. Und das radikal.

komm Conny komm Conny komm komm komm
komm Conny Conny komm komm Conny Conny komm

Conny kommt Conny kommt Conny Conny kommt kommt
Commy kont Commy kont

kommt koMT KOMMT
C O M E T E N H A F T

Ziemlicher Unsinn. Aber es hatte funktioniert. Das Publikum hatte gejohlt und getobt und sie auf den ersten Platz geklatscht, vor dem etwas bleichen Typen, der mit starkem Thurgauer Akzent eine halbwegs lustige Geschichte über einen leeren Kühlschrank in einer WG vorgetragen hatte.

Die mittlerweile leere Whisky-Flasche, die sie als ersten Preis gewonnen hatte, stand immer noch im Bücherregal, gleich neben dem Ordner, in dem sie die Urkunde ihres Maturapreises und den Zeitungsartikel über ihre preisgekrönte Maturaarbeit aufbewahrte.

Sie hatte eine Neujahrsrede geschrieben, eine Rede an die Nation gewissermassen, wie sie der Bundespräsident oder die Bundespräsidentin jeweils halten. Als Bundespräsidentin des Jahres 2030 hatte sie sich im Zivilschutzkeller ihres Schulhauses vor die Kamera gestellt und der Bevölkerung aufgezählt, was die Politik, die Wirtschaft, die Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten versäumt hätten und was es jetzt, mit letzter Anstrengung und Konsequenz, mit Blut, Schweiss und Tränen noch gutzumachen gelte.

Selbstverständlich war es ihr nicht darum gegangen, wie das lobende Gutachten zu ihrer Maturaarbeit unterstellte, mit dieser eindringlichen Dystopie die drohenden Gefahren im Hier und Jetzt schonungslos zu benennen und in der Form der politischen Rede aus der Zukunft die Versäumnisse der Politik in der Gegenwart anschaulich zu machen und anzuprangern. Es war für sie vielmehr ein erster, holpriger Versuch, die Möglichkeiten von Sprache auszuloten. Und insgeheim hoffte sie, manch einer und eine, der oder die ihre Rede gesehen und vor allem gehört hatten, wünschte sich in diese trostlose Zukunft, um mit letzter Anstrengung und Konsequenz, mit Blut, Schweiss und Tränen an der Rettung der Welt mithelfen zu dürften.

«Eine zukünftige Bundesrätin?», hatte der Lokaljournalist, oder sein Blattmacher, getitelt. Bundesrätin? Sie? Nein, gewiss nicht, sie hatte andere Pläne, ganz andere.

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