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12. Kapitel

in dem ein Blick in den Nachthimmel einiges in ein anderes Licht rückt.

Boscardin schaute nach oben. Ein Blick in den klaren Nachthimmel gab in diesem hektischen Hin und Her von Figuren, Fakten und Fiktionen eine neue Perspektive.

Es war weniger der Umstand, dass man gewissermassen in die Vergangenheit schaute, weil das Licht einige Millionen Jahre brauchte, bis es hier auf seiner Netzhaut auftraf. Vielmehr ging es um den Sternenhimmel als optische Täuschung. Das Licht der Sterne nahe des Horizontes wird von der Erdatmosphäre so geknickt, dass die Sterne weitab ihres wirklichen Ortes erscheinen. Und oben, quasi in der Himmelskuppel, leuchten die Sterne, deren sichtbarer Ort am nächsten zu ihrem wirklichen Ort liegt. Kommt dazu, dass wir mit einem Affenzahn durchs Weltall unterwegs sind und das Licht der Sterne nicht immer von dort kommt, von wo es herzukommen scheint. Es ist etwa so, wie wenn wir durch einen Wolkenbruch radeln und der Regen nicht von oben, von wo er eigentlich kommt, sondern von vorne auf uns einpeitscht. Kurz, nichts ist so, wie es scheint, und das machte Boscardin auf eine bemerkenswerte Art ruhig und gelassen.

Hell leuchtet fast im Zentrum des Himmels Wega, Boscardins Lieblingsstern; der herabstürzende Adler, der sich langsam gegen den Himmelspol bewegt und in 12᾽000 Jahren den Nordstern als Orientierungspunkt im Norden ablösen wird.

Hat das nicht etwas Entspannendes? Die Perspektive von der Erde verschiebt sich ständig und fast unmerklich. In 25᾽700 Jahren dreht sich die Achse der Erde einmal um den Himmelspol. Es würde 25᾽700 Jahre dauern, bis die Sterne, zu denen Boscardin hochsieht, wieder am genau gleichen Ort stehen wie jetzt.

Wenn, ja, wenn sich unsere Sonne und ihre Planeten nicht ihrerseits in 200 Millionen Jahren um das Zentrum der Milchstrasse drehen würden, um das Zentrum der Milchstrasse, das aus einem supermassiven Schwarzen Loch mit der Masse mehrerer Millionen Sterne besteht.

Allein in unserer Galaxie gibt es 200 Milliarden Sterne, und über 50 Milliarden Galaxien kann man heute von der Erde aus beobachten, etwa die relativ nahe Andromedagalaxie, die in drei Milliarden Jahren mit der Milchstrasse kollidieren und nach einem kolossalen Rumpeln und Tütschen mit ihr eine neue Galaxie bilden wird.

Und dahinter? Wo dahinter? Jenseits der letzten und äussersten Galaxie. Das ist erst recht unvorstellbar, zumindest für uns, weil wir nur in den Formen von Raum und Zeit denken können, von begrenztem, endlichem Raum in drei Dimensionen und kontinuierlich fortschreitender Zeit. Die gekrümmte vierdimensionale Raumzeit, davon kann man sich vielleicht noch einigermassen ein Bild machen.

So, kann man?

Je nachdem, ja. Aber von der dunklen Materie und der dunklen Energie müssen wir gar nicht erst anfangen. Und die machen immerhin 95 Prozent des Weltalls aus, und wir wissen so gut wie nichts darüber, ausser dass das Universum ohne sie nicht so hätte entstehen können, wie wir es kennen.

Auch das Multiversum mit verschiedenen Paralleluniversen, auf die es einige starke Hinweise gibt, ist nur schwer vorstellbar. Das sprengt unser Vorstellungsvermögen. Man kann sich das alles vielleicht in bestimmten Modellen denken und rechnen, aber vorstellen kann man sich das nicht.

Etwas, das sogar dein Vorstellungsvermögen sprengt? könnte ihn Kraut fragen, wenn sie nur da wäre, und es wäre natürliche eine rhetorische Frage.

Ich fürchte ja, mit einem fotografischen Gedächtnis und einem bildlichen Vektorendenken kommt man in unserem Raum-Zeit-Kontinuum hier auf der Erde ganz gut zurecht.

Boscardin würde lächeln.

Aber in den galaktischen Dimensionen stösst man da schon an ein paar Grenzen. Ja, da kann einen schon der existenzielle Schwindel, die kosmische Angst ergreifen. Und nicht wenige füllen die unvorstellbare Weite mit Gott oder etwas Ähnlichem; ein Zufall ist es ja nicht, dass das Center for Space an Habitability zusammen mit den Theologen eine kleine Bibliothek mit theologischer Literatur angelegt hat. Boscardin wollte den kleinen, verächtlichen Gedanken gar nicht unterdrücken: Wer die eigenen Denkmodelle nicht aushält und ausserhalb Trost finden muss, sollte die Wissenschaft vielleicht besser bleiben lassen.

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