15. Kapitel

in dem ein Blutgericht versprochen wird und in dem endlich klar wird, weshalb der Spoken-Word-Künstler Kotzbrock 3.0 auf der Bühne immer so viel Energie hat.

Zukunft ist nicht das, was in zeitlicher Ferne liegt. Zukunft ist das, was sich gravierend vom Gegenwärtigen unterscheidet.

Das war Reinmuths Lieblingspassage in ihrem neuen Drohbrief. Die beiden hübschen Sätze hatte sie fast wörtlich von der Internetseite einer Versicherung übernommen, und streng genommen hätte sie Anführungs- und Schlusszeichen setzen müssen. Aber sollte man jetzt sogar in anonymen Drohbriefen korrekt zitieren? Bah.

Zukunft ist nicht das, was in zeitlicher Ferne liegt. Zukunft ist das, was sich gravierend vom Gegenwärtigen unterscheidet. Und wir werden für einen Unterschied sorgen, der mehr als nur gravierend sein wird. In der Zukunft werdet ihr die Gegenwart nicht mehr erkennen. Die Zukunft ist ein blutiges Gericht. Und diese Zukunft ist nah. Wir werden euch ausmerzen.

Kira Wilhelmina Reinmuth war zufrieden. Das ist keine Drohung, eher ein Versprechen. Dieser wohlige Schauer und die Lust, bestraft zu werden, diese Geilheit auf den eigenen Untergang, oh, sie werden diesen Text lieben, weil sie sich fürchten dürfen.

So, das wars nun aber wieder mal für ein Weilchen. Den Untergang, Mord, Totschlag und ein Blutgericht zu verkünden, das war auf die Dauer etwas ermüdend. Sie wollte doch wieder mal ein paar Texte für die nächsten Slams schreiben. Da hatte sie schliesslich noch eine Rechnung offen. Gopf.

Nur zweite war sie geworden hinter diesem aufgeblasenen Dingsda, der sich provokativ und selbstironisch Kotzbrock 3.0 nannte und gar nicht auf die Idee kam, dass ausser ihm wohl alle diesen Künstlernamen weniger selbstironisch als passend fanden.

Es ging das bösartige Gerücht, der elektrisierende Furor, mit dem er seine gleichermassen kritischen wie künstlerisch wertvollen Texte vortrage, sei der Analsonde zu verdanken, mit der er sich bei seinen Auftritten jeweils mindestens 90 Milliampere in den Hintern surren liess.

Das hätte auch erklärt, weshalb er bei seinen Auftritten immer so ein merkwürdiges Gurttäschchen trug, an dem er immer wieder fummelte. Ob er dann jeweils an diesem kleinen Gerätchen herumdrückte, um noch etwas mehr Strom von der Batterie in die Sonde zu jagen?

Von der beeindruckenden Dringlichkeit seines Vortrages hatte ein Kritiker einmal geschwärmt. Sie zeige, wie die Performativität der Literatur eine Dimension geben könne, die dem bloss gedruckten und gelesenen Wort fehlen müsse. – Kein Wunder.

Die Gelegenheit, das zu überprüfen, würde bald haben, wer sich für solche Vergleiche interessierte. Demnächst, so hiess es in der Szene, werde ein Büchlein mit Kotzbrocks besten Texten erscheinen. Denn das musste dann eben doch sein, gelegentlich. Die Worte gedruckt und zwischen zwei Buchdeckeln, auch wenn das Performative, die beeindruckende Dringlichkeit des Vortrags fehlt, aber die Texte zum Anfassen, Umblättern, die Ecken knicken, ‹aufgeblasener Idiot› an den Seitenrand schreiben, Papier und Druckerschwärze riechen.

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