17. Kapitel

in dem Malavenda beteuert, um ihn müsse man sich keine Sorgen machen, und in dem ein verschwitztes Trikot ein Fussballspiel spannender machen soll.

Malavenda wartete einen Augenblick, bis sich der Grauhaarige mit seinen fünf Bechern Bier, die er in einem Kartonhalter der dänischen Grossbrauerei durch die Reihe trug, an ihnen vorbeigequetscht hatte. Dann beantwortete er Boscardins Frage.

Doch, ja, seine Recherche sei heute sehr ergiebig gewesen. Er habe endlich mit einem dieser Prepper sprechen können.

Prepper.

Aus dem Englischen to be prepared, vorbereitet sein. Das ist ein bunter Haufen von Katastrophenfreunden und Survival-Freaks, die sich schon mal für den Weltuntergang einrichten. Grosse Geheimnistuerei, Bubenzeugs für erwachsene Männer, du verstehst.

Bubenzeug? Nur zu gut, grinste Boscardin.

Bunker kaufen, bauen, ausrüsten, Vorräte anlegen und alles planen für die grosse Katastrophe. Väter, die für ihre Familien sorgen, auch wenn die Wirtschaft, die Gesellschaft, die Nahrungsmittelversorgung zusammengebrochen sind. Weltuntergangs-Männerromantik.

Pfadi plus Robinsonspielplatz plus Apokalypse.

Du hast es erfasst. Ein sehr erfüllendes Hobby. Die Notfalltasche steht immer bereit, die Frau ist genau instruiert, was sie im Katastrophenfall zu tun und wohin sie mit den Kindern zu gehen hat.

Und einen dieser sehr fürsorglichen Familienväter hast du heute getroffen.

Ganz genau. Projektmanager in einem Betreib für Messtechnik. Gut trainierter Bizeps, kurz geschorene Haare, sanfte Augen und einen entschlossen wirkenden Zug um den Mund. Auf dem Unterarm, gut versteckt unter dem hellblauen Business-Hemd, die Namen seiner drei Kinder, tätowiert in einer etwas ungelenken karolingischen Minuskel. Eine Karolingische Minuskel. Sieht man selten bei Tattoos.

Und was hat das jetzt mit deinen Privatschulen zu tun?

Malavenda schaute sich um. Ich glaub, das erzähle ich dir lieber nach dem Match bei einer Flasche Rotwein.

Muss ich mir Sorgen machen? fragte Boscardin.

Neinnein, lachte Malavenda, aber man muss natürlich vorsichtig sein. Ma non ti preoccupare. Doch, ja, alles in Ordnung.

Das Spiel hatte eben begonnen. Aber es tat sich noch nicht viel. Die Young Boys stürmten Mal ums Mal über rechts Richtung St.Galler Tor, brachten aber kaum einen brauchbaren Ball in den Strafraum.

Wissen deine St. Galler, dass sie auch in die andere Platzhälfte rennen dürfen und dass es durchaus das Ziel des Spiels sein kann, ein Tor zu schiessen?

Malavenda grummelte etwas Unverständliches.

Deine St. Galler machen nicht den Eindruck, als wollten sie hier tatsächlich gewinnen.

Sie bieten ihren Fans eben etwas.

Da gebt ihr euch aber mit wenig zufrieden. – Mit sehr wenig.

Zugegeben, das ist heute ein ziemlich unansehnliches und gschtabiges Gestolpere. Aber genau das macht’s spannend.

Boscardin schaute seinen Cousin wortlos von der Seite an. Er hatte eine vage Idee davon, was der damit meinen könnte.

Im Ernst, wenn sie heute nicht gewinnen, geraten sie womöglich noch in den Abstiegskampf. Wer hätte das gedacht. Und so ein Abstiegskampf ist doch ein prächtiges Hin und Her von Hoffen und Bangen. Das schüttelt dich und ist alleweil emotionaler als unbedeutende Spiele um einen Platz irgendwo im Mittelfeld der Tabelle ohne Aussicht auf einen Spitzenplatz und ohne die Gefahr, unten rauszufallen. Eine Mannschaft muss ihren Fans Hoffnung geben, das weisst du besser als ich. Und wenns nicht die Hoffnung auf einen Meistertitel oder den Cup ist, dann wenigstens die Hoffnung, nicht abzusteigen.

Boscardin nickte nur. Sein Cousin hatte recht, klar. Auch wenn nach langem und vergeblichem Hoffen endlich, endlich – man hatte es fast nicht mehr zu denken gewagt – – Dann war da im seligen Freudentaumel, in den detonierenden Glücksgefühlen schon eine leise Ahnung von Leere, davon, dass man das Jubelige noch etwas dehnen und auskosten konnte, dass aber eigentlich jetzt etwas vorbei, verloren war.

Boscardin schaute dem Spiel ziemlich skeptisch zu und wünschte sich einen klaren Sternenhimmel über dem Stadion. Auch die Aufforderung einer aufmunternden Durchsagensprecherin, man solle über die Fan-App den Best Player wählen und könne so sein original verschwitztes Match-Trikot gewinnen, stimmte ihn nicht euphorischer.

Es lief nicht so schlecht für seine Young Boys – und das war fad. Da hatte Malavenda recht. Die Gruppe grauer Herren in der Reihe vor ihnen versuchte sich durch lauthalses Fordern von Freistössen und gelben Karten in Fan-Erregung zu halten. Aber das schien in diesem halbleeren Stadion und bei diesem grausligen Wetter auch nicht richtig zu funktionieren.

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