18. Kapitel

in dem wir erfahren, dass Krissy Kraut Millionen von Farben unterscheiden kann, dass ihr das aber recht wenig nützt.

Krissy Kraut hörte in ihrem fast englisch wirkenden Reihenhaus an der Breitfeldstrasse nicht unweit des Stadions dreimal innert Minuten Jubel aufbrausen. Drei Tore für die Young Boys. Ob Boscardin auch im Stadion sass und mitjubelte? Eine SMS würde sie ihm sicher nicht schicken.

Ach, das war ihr jetzt wirklich zu blöd. Dieser Boscardin war nicht aus dem Kopf zu kriegen. Und auch ihr Körper erinnerte sich nur zu gut an ihn – und auch ein bisschen an die Bühler. Sie hatte letzthin doch tatsächlich geträumt, sie sei schwanger und wisse nicht, ob von Boscardin oder von Patrizia Bühler. So ein Blödsinn, klar, aber so ein Traum hudlet einen ja dann eben doch etwas.

Krissy holte ihre Malstifte aus der Schublade des Küchentischs. Eine grosse Schachtel mit hundertzwanzig verschiedenen Farben. Malstifte? Ja, Malstifte, Farbstifte, Buntstifte. Die über einsachtzig grosse, durchtrainierte Ermittlerin mit den kurz geschnittenen blonden Haaren, die unzimperlich zupacken konnte, wenn es sein musste, malte konzentriert und entspannt Bilder mit japanischen Fischen und Blumenmustern aus. Kreativ meditativ. Ihren Kollegen bei der Kantonspolizei würde sie natürlich nie davon erzählen, Kollegen, die noch immer das Bild von ihr im Kopf haben wie sie – damals noch in Uniform – diesen kleingewachsenen Hochstapler und Betrüger aus der Untersuchungshaft ins Amtshaus zur Gerichtsverhandlung führte.

Der kleine Mann hatte ihr knapp bis zur Brust gereicht, aber bei der Verhandlung hatte er den Gerichtssaal mit seiner Präsenz ausgefüllt, als wäre er der Chef vom König der Welt. Der Zeitungsausschnitt mit dem Bild, das sie neben dem mehr als zwei Köpfe kleineren Verurteilten zeigte, hing fast ein Jahr lang am Anschlagbrett im Pausenraum der Kantonspolizei am Berner Nordring. Irgendjemand hatte gleich unterhalb von Krauts Schulter ‹Der starke Arm des Gesetzes› hingeschrieben. Aber auch ohne Bilderklärung machten allein die Grössenverhältnisse klar, dass man sich als Verbrecher besser nicht mit diesem starken Arm anlegte.

Krissy Kraut nahm ein Blatt mit verschlungenen Ranken, für die sie alle Grüntöne ihrer Farbstiftschachtel verwenden wollte. Blaugrün, Meergrün, Flaschengrün, Olivgrün, Schilfgrün, Grasgrün, Gelbgrün. Eine beruhigende Vielfalt von Grüntönen, die sich auf dem Blatt vor Krissy Kraut ineinander zu verschlaufen, sich zu umwinden begannen. Grüntöne, die wohl für viele kaum oder gar nicht zu unterscheiden waren. Krissy Kraut aber konnte Nuancen erkennen, die für die meisten unvorstellbar sind.

Krissy Kraut war eine Tetrachromatin, sie hatte – wie nur wenige Menschen – nicht nur drei, sondern vier Farbsensoren. Statt eine Million konnte sie gegen 100 Millionen Farben unterscheiden. Genützt hatte ihr das bisher aber noch nie. Farben zu erkennen war keine Superheldinneneigenschaft, die für die Verbrecherjagd sehr hilfreich war.

Krauts Kater Lennox strich ihr um die Beine. Er war etwas unruhig. Eine erste Note von Frühling lag in der kalten Winterluft. Nach seinem letzten grossen Kampf, den er nicht gewonnen, sondern nur glücklich überstanden, überlebt hatte, trug er ein paar Schrammen und Narben mehr; er war etwas weniger gelenkig und nicht mehr ganz so schnell, aber er war immer noch unbestritten der Chef im Quartier.

Er würde mal eine Runde drehen und nach dem Rechten schauen. Auf dem Giebel von Wegge Wegelins Haus sah Lennox die Silhouetten der beiden Krähen, die sich seit ein paar Tagen gelegentlich hier zeigten, neugierig alles beäugten, auskundschafteten und beobachteten, mal in einer alten Nussschale herumpickten oder mit ihren Schnäbeln in die blauen Abfallsäcke am Strassenrand hackten.

Lennox war nicht so dumm, es gleich mit zwei so grossen Krähen aufnehmen zu wollen. Aber er behielt sie im Auge.

Rabenkrähen sind schlaue Vögel. Schlauheit ist unmittelbar weniger gefährlich als dumpfe Dummheit, aber unberechenbarer, man musste auf der Hut sein. Dass es nie gelungen war, ihren Bestand zu reduzieren, obwohl sie der Landwirtschaft als Schädlinge galten, war Warnung genug. Und Rabenkrähen kamen weit herum und sahen viel.

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