19. Kapitel

in dem Malavenda sich in Rage redet und keinen Fussballroman schreiben will.

Malavenda und Boscardin stiegen nach dem Match nicht in eines der überfüllten Trams oder einen der vollgestopften Busse, sondern spazierten mit hochgeschlagenen Kapuzen quer durchs Breitenrainquartier zum Löscher in der ehemaligen Feuerwehrkaserne beim Viktoriaplatz.

Über das Fussballspiel gab es nicht viel Nennenswertes mehr zu berichten. Natürlich hatten Malavenda und Boscardin unterwegs noch die eine oder andere Szene auf dem Spielfeld besprochen, die auffällig aktiven oder auffällig passiven Spieler taxiert. Wie man das eben so macht und wie das eben so zum Fussball gehört. Aber das muss uns im Detail hier nicht kümmern.

Glühbirnengirlanden warfen ein schummriges Licht über den asphaltierten Vorplatz. Auf den Bänken mit den Sitzflächen aus grünen Fensterläden sass bei dieser Kälte niemand. Rund um zwei Stehtischchen aber erhellten kleine Glutpunkte gelegentlich rotnasige Gesichter. Drinnen im Löscher setzten sich Malavenda und Boscardin an einen langen, wurmstichigen Tisch, neben sich die Säcke, Tüten, den kleinen dreirädrigen Lieferwagen und die grosse Röstmaschine des lokalen Kaffeekönigs, der hier sein Lager und seine Rösterei hatte. Sie bestellten eine Flasche Roten.

So, sagte Boscardin und schaute sich demonstrativ um, und jetzt erzähl mal, was diese Privatschulen mit dem Weltuntergang zu tun haben.

Malavenda nahm zuerst einen guten Schluck, nickte zufrieden und begann dann zu erzählen: Es geht das abenteuerliche Gerücht, an einigen der Privatschulen könne man im Freifach den Umgang mit klein- und grosskalibrigen Waffen üben. Mit so genannten Sicherheitsberatern, also Söldnern, die schon überall waren, wo sich kaum ein anderer hintraut, in Somalia, im Jemen, in den die Bürgerkriegsgebieten des Kongo.

Boscardin runzelte fragend die Stirn.

Zweisprachige Förderung ab dem Säuglingsalter, Schule mit Maturagarantie, und alles klar. Aber was nicht in den Werbeunterlagen dieser Schulen steht: Selbstverteidigung mit dem Messer, den blossen Händen und mit Kleinkaliberwaffen, um die Neider und Missgünstigen, die Unwerten im Ernstfall beiseite räumen zu können.

Verstehst du, blitzblanke und gerichtete Zähne, ein am siebzehnten Geburtstag gerichtetes Näschen und Muggis vom Personal Trainer, ein gewinnendes Lächeln für die Würdigen, kein Pardon für die Unwürdigen. Denn wer kein Vermögen macht oder wer nicht reich geboren wurde, ist selber schuld und hat etwas falsch gemacht.

Aber auch das Falsche muss man richtig machen, und jeder muss seinen Platz und seine Aufgabe kennen: Das Herumwursteln im gut ausgebildeten Prekariat muss man als Chance und uneingeschränkte Freiheit und Flexibilität bejubeln und ohne festen Lohn und Versicherungen als Contractor optimistisch den Blick fürs Ganze und Wichtige behalten – also für steigende Börsenkurse und steuerfreien Reichtum der wenigen Vermögenden. Die Apokalypse sehen diese auserwählt Reichen nicht zuletzt als Reinigung, nicht im religiösen Sinn, sondern als Reduktion der Überflüssigen, also der Nicht-Reichen.

Drei Prozent der Weltbevölkerung besitzen 95 Prozent aller Vermögen. Meinst du, die lassen sich das von einem Weltuntergang nehmen?

Ziemlich abenteuerlich, findest du nicht? fragte Boscardin.

Aber ja doch, und wie. Und es wird noch viel abenteuerlicher. Es gibt nicht nur Gerüchte über diese nicht ganz offiziellen Spezialkurse an den teuren Privatschulen, es gibt auch Gerüchte, dass dieselbe Firma, die die Schulen betreibt, ein ganzes Weltuntergangspackage anbietet: Bunker, Verteidigung, Vorräte, Evakuierung mit einer Privatmaschine auf eine private Insel oder in eine abgelegene Berggegend. Transfer in gepanzerten Limousinen in sichere Zonen. Alles im Premiumsektor, versteht sich. Inseln in der Südsee, die zu gigantischen Festungen ausgebaut sind, ausgehölte Hügel und Berge, die auf Jahre autark, auf Jahrzehnte mit Lebensmitteln und Energie versorgt sind.
Das ist keine Weltverschwörung. Es ist ein Geschäftsmodell. Ein sehr wirkungsvolles und einträgliches.

Und jetzt versuchst du, diese Gerüchte zu verifizieren und zu belegen, nehme ich an.

Ganz genau. Deshalb habe ich diesen Apokalypse-Freak heute getroffen. ‹In unserer Szene›, erzählt der mir, ‹in unserer Szene gibt es viele merkwürdige Typen, und nicht wenige davon sind bis an die Zähne bewaffnet und fest entschlossen, ihre geheimen Bunker, ihre Lebensmittellager und ihre Familien mit allen Mitteln zu verteidigen. Die verstehen keinen Spass. Aber das, was du suchst, ist eine andere Liga. Das sind Profis, die Geschäfte machen, verstehst du. Denen haftet gleichermassen der Geruch von edlen Teppichetagen und von muffigen Söldnerunterkünften in Mogadischu und Kunduz an. Du weisst nicht, welcher der beiden Gerüche dir mehr Unbehagen bereitet, aber beide zusammen – da hast du einen Knoten im Magen und weiche Knie.›

Für die rührigen Amateur-Prepper haben diese Profis höchstens ein mitleidiges Lächeln übrig. Die Amateure überleben vielleicht ein paar Wochen oder höchstens Monate. Bis ihnen das Benzin ausgeht, die Solaranlage für die Wasseraufbereitung ausfällt oder ihre letzte Schachtel Antibiotika leer ist. Die Profis legen nicht einfach ein paar Vorräte an und üben, wie man Hasen fängt oder Hülsenfrüchte anpflanzt. Da werden Strukturen geschaffen fürs langfristige Überleben, wenn es das, was wir kennen, nicht mehr gibt. The end of the world as we know it: TEOTWAWKI. Dafür reichen ein Bunker abseits der Zivilisation, ein paar Handfeuerwaffen, ein Pflanzblätz und ein Survival-Ratgeber nicht aus.

Malavenda nahm sein Weinglas in die Hand, fuhr aber ohne einen Schluck zu trinken fort.

Und da sind übrigens auch die Übungen, die du als Schutzraumchef im Zivilschutz gemacht hast, eine putzige Erinnerung an die heile Welt des gemeinsamen Überlebens in der nuklearen Katastrophe. Solidaritätsidylle im normierten Überlebenskeller.
Die Idee, dass man gemeinsam das Schlimme von aussen übersteht, ist aber schon längst keine Backform für eine Nation mehr. Wenn der Staat über Jahrzehnte als parasitär, feindlich und gegen die Interessen der eigentlichen Kerngemeinschaft handelnd verunglimpft wird, und wenn du den Staat und die staatlichen Infrastrukturen systematisch geschwächt hast, dann weisst du, dass du dich im Katastrophenfall nicht auf diesen Staat verlassen kannst. Das ist die ganz einfache und zirkuläre Logik, die sich Neoliberalismus und Rechtskonservatismus teilen.

Gute Güte Malavenda, du redest dich ja richtig in Rage. So eine feurige Aufklärungsrede hab ich ja schon lange nicht mehr gehört. Viellicht ist die Aufklärungsrede tatsächlich die richtige Textsorte für diesen Stoff. Ich fürchte nur, die politische Brandrede wird mittlerweile so routiniert und wirkungsvoll eingesetzt, dass man mit Aufklärung dagegen nicht ankommt. Aber wär das alles nicht bestes Material für einen finsteren Krimi? Wolltest du nicht mal einen Roman schreiben?

Meinen Fussballroman? Ich hatte schon das erste Kapitel und den Schluss. Für die hundert Seiten dazwischen wollte mir aber nichts Brauchbares einfallen. Irgendwie wusste ich zu viel. Was tatsächlich im Fussball und im Fussballgeschäft abläuft, wäre in einem Roman völlig unglaubhaft. Kaum zu glauben, aber so ist das. Also hab ich’s sein lassen.

Aber durchaus möglich, dass dieses Material hier für einen Krimi taugen würde, da gebe ich dir recht; oder für einen Thriller. Aber weisst du, egal, wie gut du recherchiert hast: Die Fakten, die du in einen Krimi oder Thriller einbaust, taugen nur dann für den Text, wenn sie sich als unterhaltsame Elemente einpassen lassen. Das Faktische hat als Unterhaltung vielleicht sogar seinen besonderen Reiz und verspricht einen besonderen Kitzel. Und wieso auch nicht. Wenn dein Text aber etwas anderes sein soll als skandalisierende Kurzweil, dann muss du die Fakten roh und ohne Kinkerlitzchen hinhauen und Dokumente, Dokumente, Dokumente auf den Tisch legen.

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