20. Kapitel

in dem Gaia Bachofen nichts von einer durchtrennten Daumensehne wissen will und in dem Boscardin an C5H10O2 denkt.

Ich empfehle hier eher den Bohnensalat, der ist leichter zu verdauen als manches Dokument, das man auf den Tisch bekommt.

Boscardin drehte sich um. Gaia Bachofen erkannte er nicht nur an der Stimme, sondern auch an ihrem leicht irritierenden, aber doch sehr anziehenden Geruch.

Pardon, ich wollte nicht stören, nur rasch guten Abend sagen.

Boscardin sah die Rechtsmedizinerin zum ersten Mal etwas verlegen werden.

Aber unbedingt, setzt dich doch zu uns.

Bachofen schaute kurz zu Malavenda und guckte dann Boscardin fragend an.

Das ist Malavenda, Mario Malavenda. Gaia Bachofen, unsere beste Rechtsmedizinerin.

Freut mich.

Bachofen gab Malavenda die Hand. Ihr ähnelt euch ein bisschen, so um die Augen herum, oder täusche ich mich.

Du täuschst dich ganz und gar nicht, wir sind Cousins, sagte Malavenda und zeigte sein allerschönstes Malavenda-Lächeln.

Alles klar, und ich nehme an, ihr wart heute beim Fussball.

Waren wir, ja. Young Boys gegen den FC St. Gallen, antwortete Boscardin. Malavenda war mal ein hervorragender Goalie in der Nachwuchsmannschaft des FC St. Gallen.

Damals hat man aber noch ganz anders gespielt als heute, erklärte Malavenda. Der Goalie war noch nicht so stark ins Spiel der Mannschaft eingebunden. Er war eher so eine Art Versicherung hinter der Verteidigung.

Genau, und Malavenda war eine sehr gute Versicherung, bis ihm einer mit dem Stollen die Daumensehne durchtrennt hat.

Bitte keine medizinischen Details, ich hab Feierabend, winkte Bachofen ab.

Okay, auf jeden Fall, wann immer es geht, schauen wir uns Spiele zwischen den Young Boys und dem FC St. Gallen zusammen an und hoffen beide, dass wir mit unserer Mannschaft hoffen dürfen.

Ihr hofft, dass eure Mannschaften gewinnen, packte Bachofen ihre Frage in die Form einer Feststellung.

Wenn’s so einfach wäre, antwortete Malavenda. Natürlich hofft man, dass die eigene Mannschaft gewinnt. Aber je schwieriger es für sie ist zu gewinnen, je grösser dein Leiden mit der Mannschaft, desto inniger wird das Hoffen.

Bachofen schaute zuerst Malavenda, dann Boscardin an. Der nickte zustimmend.

Ihr seid mir ja zwei komische Vögel. Bachofen schüttelte amüsiert den Kopf.

Schon, erwiderte Malavenda, aber mit den Siegern mitzufiebern ist doch zu einfach, nicht wahr.

Genau, so einfach hat es sich mein Cousin selten gemacht. Malavenda, musst du wissen, hat früher nicht etwa mit Franz Klammer oder Bernhard Russi, ja nicht einmal mit Roland Colombin mitgefiebert, sondern mit Marcello Varallo, und weder mit Jo Siffert noch mit Clay Regazzoni, sondern mit Vittorio Brambilla. Verstehst du. Marcello Varallo war als Skifahrer nie besser als Zweiter in der Abfahrt. Und Vittorio Brambilla hat ein einziges Formel-1-Rennen gewonnen und gleich nach der Zieldurchfahrt an der Leitplanke die Front seines Rennwagens demoliert.

Und genau darum ging᾽s. Marcello Varallo, Vittorio Brambilla, das waren nicht die grossen und glänzenden Sporthelden, alles andere als moderne Lichtfiguren.
Hattest du übrigens nicht auch eine besondere Schwäche für eher gebrochene Helden? fragte Malavenda Boscardin. War nicht dieses hässliche grüne Muskelding deine Lieblingscomic-Figur? Wie heisst noch gleich dieser wütende Klotz? Hulk, oder?

Tatsächlich hatte Boscardin die Comics mit dem unglaublichen Hulk, dem grünen und vor Wut kochenden Koloss, als Teenager serienweise verschlungen. Der Hulk war genau die richtige Comicfigur für einen, der kaum wusste, wohin mit dem Durcheinander all seiner rasend schnellen Gedanken und der hinterher taumelnden Gefühle; die richtige Figur für einen, dem es mehr Erlösung als Fluch schien, wenn einer wie der brillante Nuklearphysiker Dr. Bruce Banner gelegentlich, von der eigenen intellektuellen Exzellenz befreit, wie eine Naturgewalt auf die Welt niederfahren konnte.

Der unglaubliche Hulk war deine Lieblingscomicfigur, gut zu wissen. Gaia Bachofen lächelte. Ich weiss auch nicht, man darf es ja fast nicht laut sagen, aber bei solchen Titanen und Giganten wie dem Hulk überkommen mich fast mütterliche Gefühle.

Mütterliche Gefühle für Giganten und Titanen, natürlich, das liegt ja auf der Hand, bemerkte Boscardin, und es war nicht ganz klar, ob er das ironisch meinte.

Sie sind mir auf jeden Fall schon auch lieber als strahlende Olympioniken, schob Gaia rasch nach.

Malavenda überlegte kurz, schaute Bachofen mit einem schelmischen Lächeln an und meinte dann: Gut möglich, dass Boscardin und ich komische Vögel sind. Aber mir scheint, wir sind heute in ziemlich guter Gesellschaft.
Und vor allem muss ich festhalten, dass Boscardin eindeutig der komischere Vogel ist, da gibt es keinen Zweifel.

Auch zweifeln will gelernt sein, mein Lieber, erwiderte Boscardin, und darum scheint᾽s in der Wissenschaft offenbar besser bestellt zu sein als im Journalismus.

Hoho, meine Herren, warf Bachofen dazwischen. Wittert ihr einen Eisprung, oder was ist los.

Ich riech nur Rotwein und ein Durcheinander von den Gerichten der Abendkarte. Malavenda schnüffelte demonstrativ.

Riechen kann man das auch nicht, aber wittern. Also man, genauer die Männer.

Aha, und was wittert man als Mann genau, fragte Malavenda.

Beim Eisprung produziert die Frau die sogenannten Kopuline. Und hier im Raum sind, sagen wir mal, mindestens 20 Frauen.

Es sind 31 Männer und 33 Frauen, und bei 10 davon ist die Sache mit dem Eisprung wohl schon durch, bemerkte Boscardin.

Na, mein Lieber, Exaktheit und Takt scheinen sich bei dir gegenseitig auszuschliessen, aber egal. Also 23, da dürften schon ein paar Kopuline in der Luft herumschwirren.

Kopuline? Im Ernst? fragte Malavenda.

Im Ernst. Kopuline, ein sehr sinniger Name. Das sind fünf Fettsäuren, deren Mischung auf Männer ziemlich stark wirkt, auch wenn sie nicht direkt zu riechen ist. Sie lassen den Testosteronspiegel der Männer steigen, damit verstärkt sich das Konkurrenzverhalten und jede Frau wirkt anziehend, schön und begehrenswert, erklärte Gaia Bachofen und lächelte – natürlich anziehend, schön und begehrenswert.

Dieses Lächeln gefiel Boscardin, aber er hatte auch die Schönheit der fünf kurzkettigen Kopulin-Fettsäuren vor Augen: Ethansäure, Propionsäure, Isobuttersäure, Buttersäure, Isovaleriansäure; C2H4O2, C3H6O2, C4H8O2, C4H8O2, C5H10O2, deren Moleküle er – wie könnte es anders sein – räumlich vor sich sah.

Es ist also nicht auszuschliessen, dass tatsächlich er der komischere dieser beiden komischen Vögel war.

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