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23. Kapitel

in dem Kotzbrock 3.0 erklärt, weshalb er keinen billigen Trost bieten will und in dem Laura Dewey die Sache mit den Fussball-Trikots versteht.

Im Flur stand ein alter Petrolofen, daneben eine Art Kanne, mit der man wohl den Brennstoff aus einem Fass oder Tank im Keller holen musste.

Eines der beiden Zimmer schien das Arbeitszimmer zu sein. Ausser einem einfachen Holztisch, einem Brockenhausstuhl und einem ramponierten Ledersessel befand sich nichts im karg eingerichteten Raum. Im Schlafzimmer lag eine 140er-Matratze direkt auf dem geölten Holzriemenboden.

Schwarze Bettwäsche. Wer um Himmels willen hatte denn schwarze Bettwäsche. Bieli schüttelte den Kopf.

Schwarze Bettwäsche, aber in der ganzen Wohnung kaum ein Buch.

Keine Bücher? Sie sind doch Slammer, Poet, Autor, Schriftsteller oder wie man dem sagt.

Bieli kannte sich inzwischen schon ziemlich gut aus. Seit er diese Bibliothekarin kennengelernt hatte, oder besser: I- & D-Spezialistin, also Informations- und Dokumentationsspezialistin, wusste er einiges, von dem er bis vor kurzem nicht im Entferntesten gedacht hätte, dass es ihm bei seinen Ermittlungen je nützlich sein könnte.

Man sagt doch, auch das wusste Bieli seit kurzem, man sagt doch, wer schreibt, ist auch ein Leser. Ich seh hier aber keine Bücher.

Bücher?, fragt der Kotzbrock etwas verächtlich zurück. Wissen Sie, Dinge sind nicht einfach Sachen, die herumliegen oder -stehen, Dinge machen etwas mit einem, verstehen Sie, Dinge sind Aufforderungen, etwas zu tun. Ein Schraubenzieher ist immer auch eine Aufforderung, etwas rein- oder rauszuschrauben. Und ein Buch ist eine Aufforderung, etwas zu lesen. Ich will aber nicht lesen, ich will an meinen Texten schreiben.

Und mal ganz abgesehen davon, wenn ich ein gutes Buch lesen wollte, müsste ich es selbst schreiben. Aber das fällt mir im Traum nicht ein. Der grosse Roman, der dicke Brocken, psychologische Illusionsprosa, die uns vormacht, wir würden an einem Stück Leben teilhaben, von dem wir sonst keine Ahnung hätten. Hören Sie mir damit auf.

Bieli schaute etwas skeptisch.

Grosse Erzählungen, fuhr der Kotzbrock unbeirrt weiter, grosse Erzählungen, die den billigen Trost bieten, irgend etwas mache irgend einen Sinn; die die Illusion verkaufen, Sinnproduktion sei nicht einfach ein Handwerk, sondern Teil einer an sich guten Welt. Haha! Und dann lässt man das Lesepublikum wohlig eintauchen in den Lesefluss des Selbst-Vergessens, lässt sie fremde Leben nachleben, vergangene Zeiten durchstreifen, fremde Welten erkunden. Ach herrje, wenn es nur nicht so durchsichtig wäre. Ein paar hübsch gemachte Holzpuppen lässt man durch hingekleckste Lügen purzeln, mehr nicht. Und das verkauft man dann als Lebensersatz.

Nein, damit will ich doch nicht meine Zeit verschwenden. Ein Bändchen mit Texten aus meinem Spoken-Word-Programm wird nächstens erscheinen. That’s it. Und ‹die blutigen Sterntaler› ist dann wohl der Haupttext der Sammlung, vielleicht sogar der Anfang einer neuen Strömung der Literatur: Neorealismus des Neoliberalismus, etwas in der Art, verstehen Sie?

Nein, lächelte Bieli, versteh ich nicht, ich versteh nur, dass du bald sehr realistisches Material über eine Einzelzelle sammeln und die real ziemlich kahlen Zellenwände mit deinem Mist vollquatschen kannst. Bieli grinste gewitzt.

Und mal ganz abgesehen davon spüre ich deutlich, wie die Handschellen hier an meinem Gurt etwas mit mir machen, ja, ich glaube, sie fordern mich direkt auf, sie dir um die Handgelenke zu legen.

Die Sterntalergeschichte hatte ihm sowieso nicht sonderlich gefallen, Neorealismus des Dings hin oder her. Diese Astrid Asteroid – oder Steffi Sternschnuppe, wie sie genau hiess, brachte Bieli beim besten Willen nicht mehr zusammen – , diese Conny Comet fand er viel interessanter. Jetzt nicht unbedingt inhaltlich, dazu wusste Bieli wenig zu sagen, aber diese gebündelte Kraft und diese Wut, dieser kontrollierte Ausbruch, das hatte Bieli Eindruck gemacht. Genau so hätte er gerne Fussball gespielt. Ein konzentriertes Bündel Kraft und angsteinflössende kontrollierte Aggressivität im gegnerischen Sechzehner.

Aber es war sein erster Slam gewesen, vielleicht verstand er noch nicht genug von dieser Art Literatur. Und vor allem hatte ihn seine Bibliothekarin mit ihrer Haut, die so weich war wie warme Milch mit Honig und sehr dezent einen betörenden Duft verströmte, völlig kribbelig, konfus und sauglücklich gemacht.

Zuerst hatte es ihn etwas befremdet, dass Laura Dewey, nachdem sie das zweite oder dritte Mal bei ihm übernachtet und bereits eine Zahnbürste bei ihm deponiert hatte, seine YB-Trikots chronologisch nach den Meisterschaftssaisons ordnete. Als sie ihm dann aber die kleine Datenbank zeigte, in der sie all seine YB-Fansachen erfassen, mit einer kurzen Beschreibung und einer alphanummerischen Signatur versehen wollte, war seine Leidenschaft erst richtig entbrannt. Und was darauf folgte, war der beste Sex seines Lebens – gut, man könnte sagen, fast jede Art von Sex wäre für Bieli der beste seines Lebens gewesen, aber so weit wollen wir dann doch nicht gehen.

Laura Dewey hatte gleich gesehen, dass Bieli prinzipiell keine gekauften Leibchen, sondern nur Trikots sammelte, die von Spielern bei einem Match getragen worden waren. «Match worn» nannten das die Sammler. Ein schöner Ausdruck, fand Laura Dewey. Aber noch schöner fand sie die Verschlagwortung, die sie dafür gewählt hatte: Fanobjekt – Memorabilia – Vestimentär. Und Bielis bevorzugte vestimentären Fanobjekte waren bemerkenswerterweise die Trikots, Jerseys, Leibchen von Spielern, die bei einem Spiel erst nach der 70. Minute eingewechselt worden waren. Durch diese Trikots war er nicht mit der Marketingabteilung seines Vereins verbunden, sondern mit einem besonderen Ereignis, mit einer Spielsituation, deren Spuren auf dem textilen Material zu sehen waren; mit dem Spieler, der an diesem Tag, zu dieser Zeit für den Verein gespielt hatte und zu einem Zeitpunkt ins Spiel gekommen war, an dem das Spiel eine Wendung nehmen sollte – für den Fan nehmen musste. Und das machte die Sache für Laura Dewey erst richtig interessant, denn all das galt es in der Datenbank zu erfassen. Das war ein historiographischer Akt der Fankultur.

Ja, für Bieli manifestierte sich sein Fan-Sein nicht als Akt leidenschaftlichen Konsums von Merchandise-Ware, sondern durch die Nähe zum Sporthistorischen Ereignis. Legendär etwa war der Penaltypunkt, den er aus dem Rasen des alten Wankdorfstadions gestochen hatte und nun in einem Blumenkistchen pflegte. Dafür hatte Laura Dewey aber kein passendes Schlagwort finden können. Noch nicht.

Die Ausbeute der Hausdurchsuchung war so bescheiden wie die Einrichtung karg: ein Tabletcomputer, ein Drucker und ein kleiner Stapel weisses, ungebleichtes Papier im Format A4, ein merkwürdiger elektrischer Apparat mit einer Art Sonde und ein grosser Vorrat an klotzförmigen 9-Volt-Batterien. Die richtige Ausrüstung, um einen Kanister mit Petrol und einigen Nägeln und Schrauben zu zünden?

Und: ein Vegan-Kochbuch. Ha!

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