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24. Kapitel

in dem Mario Malavenda nicht mehr bei Gaia Bachofen und auch sonst nicht zu finden ist.

Boscardin war an diesem Morgen mit einem leichten Brummschädel aufgewacht. Das waren dann doch noch ein paar Flaschen Rotwein mehr geworden, die er am Abend zuvor mit Malavenda und Bachofen im Löscher getrunken hatte.

Er war dann allein zu seiner Wohnung im Holenacker gefahren. Malavenda hatte nicht wie geplant bei ihm übernachtet, sondern hatte sich bei Bachofen untergehakt und war mit ihr abgezottelt. Boscardin lächelte, nun ja. Sein Telefon hatte Malavenda offenbar immer noch ausgeschaltet. Boscardin wollte Malavenda anrufen, um ihn zu fragen, ob ihre Verabredung zum Mittagessen noch stehe oder ob er jetzt andere Pläne habe.

Der Teilnehmer ist zurzeit nicht erreichbar.

Boscardin wählte nun Bachofens Nummer.

Ja? meldete sie sich mit einer belegten und müden Stimme. Gaia Bachofen hatte sich den Morgen freigenommen. Wer, wann immer es nötig ist, mitten in der Nacht mehr oder minder unansehnliche Tote an mehr oder minder unangenehmen Orten untersuchen musste, durfte mit gutem Gewissen gelegentlich den einen oder anderen Morgen eingewickelt in eine weiche und warme Decke verbringen.

Man könnte vielleicht meinen, Gaia Bachofen wohne irgendwo im Grünen, mitten in wild wuchernden Pflanzen und und umgeben vom Geruch fruchtbarer Erde. Aber nein, sie wohnte in der Herrengasse, ausgerechnet, könnte man sagen. In einem schönen Altstadthaus wohnte sie, das der Kirchgemeinde gehörte.

Unten im schmalen Gang blinkte das frisch geladene Akkulämpchen eines Rennvelos. Links ging es durch die Küche, die zu den Gemeinschaftsräumen der Münstergemeinde gehörte, die Treppe hoch zu den Wohnungen. Im Entree ging zwischen den Türen von Bad und Küche ein Fenster in den alten Licht- und Lüftungsschacht, was der Wohnung am Abend etwas romantisch Höhlenhaftes gab. Die gegen Süden ausgerichteten Zimmer dagegen boten eine sensationelle Aussicht auf die Aare und die Englischen Anlagen am gegenüberliegenden Aarehang.

In der Wohnung unten giggelte und gugelte die kleine Tilda, die knapp einjährige Tochter von Franca Krausser, der Staatsanwältin für Wirtschaftsdelikte, die beruflich – wie sie selbst fand – zum Glück selten etwas mit Gaia Bachofen zu tun hatte. Das liess etwas mehr Raum für ein gelegentliches Glas Wein und Gespräche zum Beispiel über Literatur, zu denen natürlich auch Francas Mann Helmut, der promovierte Germanist, in seinem Lesesessel sitzend die eine oder andere Bemerkung beisteuern konnte.

Guten Morgen, Boscardin hier. Sag mal, ist Malavenda noch bei dir?

Malavenda? Schön wärs. Der hätte gern noch ein, zwei Stündchen bleiben können. Aber der ist früh los, sagte, er hätte noch eine Recherche zu machen. Irgendwas mit Bunkern oder Höhlen. So genau hab ich’s nicht mitbekommen.

Aha, meinte Boscardin. Dann wird er irgendwo im Untergrund herumstiefeln, wo er keinen Empfang hat.

Höchstwahrscheinlich, antwortete Bachofen und gähnte. Er hat gemeint, er wolle mich dann am späteren Vormittag anrufen. Ich kann ihm ja ausrichten, er soll sich bei dir melden.

Tu das, ja. Merci.

Dass sich Malavenda für diese Firma und ihre sehr speziellen Dienstleistungen interessierte, das konnte Boscardin nachvollziehen. Auch dass Malavenda nur zu gern herausfinden würde, wo solche Privatbunker versteckt waren und an welche Netze von Informationsmitteln und Transportwegen sie angeschlossen waren, das war ebenso klar. Dass Malavenda aber selbst mehr als nur ein paar Meter in so eine Anlage hineingehen würde, hätte Boscardin bis vor kurzem für sehr unwahrscheinlich gehalten.

Als Boscardin und Malavenda acht oder zehn waren, schaufelten sie als kühne Ingenieure in ihren Herbstferien fast das ganze Material des Sandkastens auf dem ziemlich tristen Quartierspielplatz zu einem grossen Hügel zusammen, der mit einem Tunnel durchstochen werden sollte.

Der Hügel war zu gross, um den Tunneldurchstich mit ausgestreckten Armen von beiden Seiten des Hügels her zu schaffen. So erweiterten sie das Tunnelprofil, und Malavenda kroch als mutiger Mineur in den Stollen, um den Tunnel die letzten Zentimeter voranzutreiben. Aussen sah Boscardin bald die ersten Risse im festgeklopften Sand. Malavenda, der bis zu seinem Hosenbund im Tunnel steckte, versuchte rückwärts wieder herauszukriechen, stiess dabei mit dem Ellbogen an die Tunnelwand. Ploff, der Sandhügel sackte über Malavenda zusammen und begrub ihn. Die heilige Barbara musste grad weggeschaut haben. Keinen Millimeter mehr konnte er sich bewegen.

Boscardin versuchte ihn zuerst an den Füssen aus dem Sand zu ziehen. Keine Chance, Malavenda steckte fest. So schnell er konnte, schaufelte Boscardin mit blossen Händen dort den Sand weg, wo er Malavendas Kopf vermutete. Er buddelte, wie er noch nie gebuddelt hatte. Ein Haarschopf zeigte sich endlich im Sand. Boscardin legte das Gesicht frei. Malavenda keuchte und spuckte. Als Boscardin Malavendas Rücken und den oberen Teil des rechten Arms freigegraben hatte, konnte sich Malavenda selbst befreien. Er wischte sich den Sand aus dem Gesicht und grinste: Uff, das war knapp.

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