25. Kapitel

in dem Bieli und Kotzbrock beim Verhör übers Kochen sprechen und in dem Bieli die grosse Kunst des Katalogisierens kennenlernt.

So, begann Bieli die Vernehmung, Sie sind also Veganer, das ist interessant.

Ich, Veganer? Gute Güte, lachte der Kotzbrock, wie kommt ihr denn da drauf.

Wir haben dieses Kochbuch bei Ihnen gefunden, sagte Bieli so wenig triumphierend wie möglich. In einem Kurs zur Befragungstechnik hatte er von einem erfahrenen Kollegen den Rat bekommen, bei Verhören möglichst viel Verständnis und Einfühlungsvermögen zu zeigen. Deshalb fügte er die gleichermassen verständnisvolle wie einfühlsame Bemerkung an: Und da sind ja ein paar sehr feine Sachen drin, die man vielleicht wirklich einmal ausprobieren müsste. Dieses Linsencurry zum Beispiel, das sieht ja ausgesprochen fein aus.

Bieli lächelte etwas verträumt, aber nicht, weil er an veganer Küche interessiert gewesen wäre, behüte. Nein, er erinnerte sich an den sehr amüsanten Abend, als Laura Dewey für sie beide einen ausgezeichneten Linseneintopf mit diesen hervorragenden Tessiner Würsten drin – wie heissen die gleich nochmal: Luganighe, genau – gekocht hatte. Der Abend war dann auf eine ganz eigene Art romantisch geworden, als sie ihre Flatulenzen sauber nach Dauer, Lautstärke und Geruch zu kategorisieren begonnen hatten. Sogar der Abwasch war so recht vergnüglich geworden, und es reute Dewey keine Sekunde, dass sie doch nicht vorgeschlagen hatte, die Teller mit Frischhaltefolie zu bedecken, damit sie dann etwas weniger abwaschen müssten. So machte sie es normalerweise; Frischhaltefolie möglichst glatt auf die Tellerfläche. Die Folie konnte man nach dem Essen einfach abziehen und wegwerfen, voilà. Für ein romantisches Abendessen zu zweit war das dann aber wohl doch nicht der richtige Vorschlag gewesen, klar. Obwohl, bei Bieli konnte man da gar nicht so sicher sein.

Ach das, holte der Kotzbrock Bieli aus den schönen Gedanken an seine Bibliothekarin zurück in den Verhörraum. Das hab ich mal von einer Freundin geschenkt bekommen. Hat aber nicht sehr lange gedauert mit ihr.

Oh, das tut mir leid, bemerkte Bieli wiederum sehr einfühlsam. So eine Trennung kann schon sehr schmerzhaft sein – und kann einen auch sehr wütend machen, nicht wahr?

Wütend? Nein, wütend hat mich das damals nicht gemacht. Ich war eher erleichtert. Diese ständigen Belehrungen und Vorträge darüber, wie die Welt eine bessere werden würde, die sind mir mit der Zeit grauenhaft auf die Nerven gegangen.

Aber sicher haben Sie durch diese Freundin einige interessante Leute kennen gelernt, die auch die Welt retten wollten – auf die eine oder andere Weise.

Allerdings.

Und? Haben sich da nähere Bekanntschaften ergeben? Neue Freundschaften, die Sie immer noch pflegen?

Freundschaften pflegen, ein schöner Ausdruck.

Ich meine, haben Sie noch Kontakt zu Leuten aus der Vegan-Szene?

Fällt mir nicht im Traum ein, da irgendetwas zu pflegen oder einen Kontakt aufrecht zu erhalten, was auch immer. Ich kann᾽s gut ohne eine solche Gemeinde, ich bin eher ein Solitär, sagte der Kotzbrock, hätte aber wohl lieber «einzigartig» gesagt.

Staatsanwalt Zwahlen, der sich das Verhör im Nebenzimmer anhörte, schüttelte skeptisch den Kopf.

Seine Gedanken waren für einen kurzen Moment abgeschweift. Beziehungen und kochen, das war für ihn mit sehr gemischten Gefühlen verbunden. Er kochte gern, wenn er verliebt war, frisch verliebt vor allem – und deshalb kochte er dann prinzipiell nur mit frischen Zutaten. Etwas aus der Gefriertruhe kam ihm dann nicht in die Küche.

Aber einmal, ach herrje, einmal hatte er seiner langjährigen Freundin, die sich nach dem Essen gewöhnlich ans offene Fenster stellte und eine oder zwei Zigaretten rauchte, einmal hatte er ihr einen knusprig duftenden Gratin mit all den Zigarettenstummeln kredenzt, die sich in den Wochen zuvor im Aschenbecher auf dem Fenstersims angesammelt hatten.
Die Begeisterung für die neue Kreation war eher mässig, das kann man sich ja etwa vorstellen, und die schon etwas ramponierte Beziehung dann bald an ihrem Ende.

Zwahlens Gedanken kamen wieder in die Gegenwart zurück. Er sah Bieli und den Kotzbrock im Vernehmungszimmer. Nein, aus dieser Befragung würde kaum etwas Brauchbares zu machen sein.

Sein Telefon dudelte, und eine Kollegin des kriminaltechnischen Dienstes gab am Telefon einen ersten provisorischen Bericht zu diesem merkwürdigen elektrischen Gerät durch, das sie beim Kotzbrock sichergestellt hatten. Schaute nicht gut aus. Damit eine Petrolbombe zu zünden dürfte sehr schwierig sein, mit einem Fernzünder gar fast unmöglich. Nein, es schaute gar nicht gut aus. Da hatten sie wohl den Falschen reingeholt. Na, vielleicht bekamen sie noch ein paar Namen, vielleicht Adressen aus diesem Poeten heraus. Konnte man nie wissen.

A propos Kochbuch, fuhr Bieli unbeirrt fort, ich habe ja gehört, es soll Leute geben, die Insekten kochen. Also richtig kochen, nicht einfach kochendes Wasser in einen Eimer mit Maikäfern und dann für 50 Rappen das Kilo ab in die Sammelstelle damit, wie es unsere Eltern als Kinder gemacht haben, nein, kochen, so richtig nach einem Rezept – und dann essen.

Hmm, brummte der Kotzbrock, der nicht richtig begriff, was ihm Bieli mit dieser Insektengeschichte sagen wollte.

Sie sind zwar kein Veganer, so viel habe ich verstanden, aber wie sieht᾽s mit Insekten aus. Denken Sie, man darf Insekten ungestraft essen?

Ob gestraft oder ungestraft, Heuschrecken oder die Larven männlicher Bienen, ich glaub dafür brauch ich kein Kochrezept, danke.

Ich seh schon, Sie sind nicht unbedingt der experimentelle Koch. Da geht es mir genau wie Ihnen. Und als Kind wollte ich sowieso Astronaut werden. Und Sie?

Ich wollte immer ich selbst werden. Das ist allerdings mehr Berufung als Beruf, sagte der Kotzbrock ernster, als man das hätte für möglich halten können.

So – für Raumfahrt, Weltraumforschung haben Sie sich nie interessiert?

Die Sterne interessieren mich höchstens als Sehnsuchtsraum, den man literarisch nutzen kann. Als Projektionsfläche von unerreichbarem Glück, die Illusion – wenn man es so einfach sagen will – dass man im Dunkeln nicht allein ist. Bieli gab sich Mühe, aber langsam entglitt ihm die Sache. Das mit dem Verständnis und dem Einfühlungsvermögen hat überhaupt nicht funktioniert. Blöder Mist. Bieli überlegte sich, ob er seine nächsten Verdächtigen nicht doch lieber wieder anschreien und mit ein paar Faustschlägen auf den Tisch erschrecken wollte.

Aber Zwahlen hatte wohl schon recht, mit diesem Kotzbrock war nicht viel zu machen.

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