26. Kapitel

in dem Bieli ziemlich geknickt, aber auch sicher ist, dass sogar die verwickeltste aller Welten in eine durchschaubare Struktur gebracht werden kann.

Grün war eigentlich nie Krissy Krauts Lieblingsfarbe gewesen. Aber mit ihrem Rankenbild, das sie in den verschiedensten Grüntönen ausgemalt hatte, war sie doch sehr zufrieden. Selbstverständlich, nicht das fertige Bild war wichtig, meist legte sie ihre fertigen Ausmalbilder auf einen Stapel und schaute sie nie mehr an, es ging um die Bewegungen, die ohne Anstrengung, exakt und ohne viel zu denken abliefen. Und ebenso selbstverständlich würde sie nie eins ihrer Bilder jemandem zeigen oder gar an ihrem Arbeitsplatz aufhängen, so wie andere Zeichnungen ihrer Kinder, Familienfotos, lustige Tierbilder oder Postkarten mit Feriengrüssen ans Fenster neben ihrem Schreibtisch oder an die Wand hinter sich klebten. Auf, neben, hinter Krissy Krauts Pult war nichts, das nicht mit ihrer Arbeit zu tun hatte. Und diese Arbeit bereitete ihr im Moment ziemliches Kopfzerbrechen.

Dass Bieli den Fall nicht schon gelöst hatte, erstaunte sie nicht. Wie sollte dieser Stössel oder von mir aus Kotzbrock 3.0 das Schliesssystem des Reinraums knacken und den Etter in die Vakuumkammer bugsieren können. Allein. Denn dass einer wie der Kotzbrock Teil einer veganen Verschwörung gegen Insektenesser war, konnte man ziemlich sicher ausschliessen.

Der Kotzbrock war ein Solist, der arbeitete nicht in einer Gruppe, das war Kraut schnell klar geworden, als Bieli den Sterntaler-Literaten reingeholt und zu verhören begonnen hatte. Und Zwahlen musste das auch rasch aufgegangen sein. Aber was wollte er, sie hatten sonst nichts.

Tammi, immer das gleiche. Konnte denn nicht wieder mal ein Fall einfach klar sein, sonnenklar, glasklar. Ein Beziehungsdelikt, eine Tat im Affekt, viele schöne Spuren und ein Täter, der es mit ein, zwei Lügen versucht, dann aber rasch einknickt und gesteht, als sässe er nicht in einem Vernehmungszimmer, sondern in einem Beichtstuhl. Die Last von der Seele geredet, ein zufriedenes Nicken der Ermittlerin oder des Staatsanwalts. Te absolvo a peccatis tuis in nomine Patris, et Filii, et Spiritus Sancti. Gopf.

Bieli war ziemlich geknickt. YB hatte gegen den FC St. Gallen – zwar glanzlos, aber immerhin – gewonnen, und er war dank seiner Kombinationsgabe und vor allem dank seinem Wissen über die aktuelle Literatur dem Täter auf die Spur gekommen. Zumindest fast.

Ja, grossartig war er in eine Sackgasse geraten. Er war so betrübt, als wären die Young Boys im Cup gegen den FC Buochs ausgeschieden. Und er wünschte sich, seine Laura hätte ihm etwas über das aktuelle Regelwerk des bibliothekarischen Katalogisierens ins Ohr geflüstert. Nichts entspannte ihn so angenehm wie die sanfte Stimme seiner Laura, die von den neuen Katalogisierungsregeln erzählte. Dann war die Welt so schön in Ordnung. Allein die Wortkombination Resource Description and Access, RDA, gab ihm die Zuversicht, dass auch die verwickeltste aller Welten in eine durchschaubare Struktur gebracht werden konnte.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstellt mit WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: