27. Kapitel

in dem Krissy Kraut sich nochmal die Wohnung des Mordopfers anschaut und in dem Stella Etter ein Lächeln versucht.

So ein Puff. Krissy Kraut versuchte, Ordnung in ihre Gedanken zu bekommen.

Jemand hatte Etter in die Vakuumkammer des Center for Space and Habitability gesteckt und wie Popcorn platzen lassen – oder eher wie eine Wurst in zu heissem Wasser. Die Webcam hatte keine Aufzeichnungen gemacht, das Schliess-System hatte keinen Ein- oder Austritt registriert. Die Vakuumkammer wurde mit scharfem Chlorzeug gereinigt, Etters Leiche beim Tierspital entsorgt. Und das war ja schon ziemlich merkwürdig. Wer ohne Spuren zu hinterlassen in den Reinraum eines Forschungsprojektes der Weltraumtechnologie kommt, müsste doch auch eine Leiche so verschwinden lassen können, dass sie gar nicht oder erst viel später entdeckt würde.

Zu militanten Anhängerinnen und Anhängern einer Ernährungsreligion oder des radikalen Tierschutzes wollte das nicht so recht passen. Drohbriefe hin oder her, die Aktion selbst hätte etwas sehr viel Demonstrativeres, Plakativeres, öffentlich Wirksameres gehabt. Hier hatte jemand einen Mord vertuschen wollen, hatte dabei aber nicht so zielgerichtet und effizient arbeiten können, wie es im besten Fall wohl möglich gewesen wäre.

Sollte sie sich Etters Wohnung noch einmal anschauen? War Etter gezielt als Opfer gewählt worden oder ging es um den Ort, an dem Etter einfach zur falschen Zeit war?

Schaden konnte es nicht, sich in Etters Wohnung nochmal umzugucken. Einen Ort zu sehen, an dem jemand sich eingerichtet hatte, seine persönlichen Sachen aufbewahrte, Zeit verbrachte, das war natürlich wichtig. Oft war es einfach ein Eindruck, etwas, das man nicht fassen und schon gar nicht benennen konnte, was eine Person plötzlich in einem etwas anderen Licht zeigte, einen auf einen neuen Gedanken, eine Idee für einen neuen Ansatz, eine Frage bringen konnte.

Krissy Kraut fuhr zu Etters Wohnung bei der Schützenmatte. Hinter der Reitschule, zwischen dem alten Tierspital und einer Art Werkhof, an dessen Fassade rot leuchtend abwechselnd die aktuelle Lufttemperatur, das Datum und die Uhrzeit angezeigt wurden, lag etwas versteckt ein schönes altes und etwas vernachlässigtes Gebäude, dessen beide unteren Wohnungen grosszügige Terrassen mit Blick auf die Aare und aufs Eisenbahnviadukt boten. Darüber, klein und eng, Etters Einzimmer-Logis. Im Treppenhaus roch es nach altem Linoleum und einigen historischen Schichten von Bodenwichse.

Die Stufen knarrten, der zweitoberste Tritt hatte sich im Lauf der Jahre etwas abgesenkt. Vor der Wohnungstüre standen zwei Paar Schuhe. Turnschuhe und lederne Halbschuhe. Ein Paar gefütterte Winterschuhe hatte in Etters Büro neben seinem Schreibtisch gestanden. An einem Haken neben der Türe hing eine Regenjacke.

Beim Fenster zur Aare hin stand ein einfaches Bett, davor ein Glas mit drei eingetrockneten Wasserrändern. In einem Einbauschrank eine übersichtliche Anzahl nützlicher Kleider, darunter ein Stapel gestreifter Pullover. Daneben in einem Regal die beachtliche Kochbuchsammlung, die Bieli so fasziniert hatte.

Krissy Kraut warf einen Blick ins enge Badezimmerchen, in den fast leeren Kühlschrank. Nein, das hier brachte sie nicht weiter. Weder die Art, wie Etter seine Rasiercremetube ausgedrückt hatte, noch die vielen ungleichen Socken, die zum Trocknen an einer lottrigen Wäscheharfe über der Sitzbadewanne hingen, brachten Sie auf neue Gedanken, auf einen neuen Ansatz.

Natürlich, mit Etters Cousin, der mit ihm ein Insektenkochbuch schreiben oder einen Insektenversand aufziehen wollte, mit dem würde sie noch sprechen müssen. Im kleinen Adressbuch, das sie in Etters Büro gefunden hatten, waren nur wenige Einträge. S. E., das könnte sein Cousin sein. Sandro, Samuel, Stefan oder wie auch immer Etter.

Krissy Kraut wählte die Mobilnummer, die daneben stand.

Etters Cousin, so stellte sich heraus, war eine Cousine, Stella Etter, eine Ernährungswissenschafterin, die für ein internationales Hilfswerk arbeitete. Stella Etter war vor wenigen Tagen aus einem indischen Teilstaat zurückgekehrt, wo sie für ihre Organisation mit lokalen Frauengruppen ein Ernährungsprogramm aufbauen sollte. Ihr Büro war ganz in der Nähe, und selbstverständlich hatte sie Zeit, mit Krissy Kraut über ihren Cousin zu sprechen.

Wegen unserem Insektenprojekt? fragte Stella Etter, als Krissy Kraut ihr vom Drohbrief an Etter erzählt hatte und von Bielis Vermutung, eine militante Tierschutzgruppe könnte hinter dem Mord an Etter stecken.


Wegen unserem Insektenprojekt? Das halte ich für sehr unwahrscheinlich. Insekten haben ein zu geringes sentimentales Identifikationspotential für Menschen, als dass jemand dafür einen Mord begehen würde. Im Gegensatz zu einem Laboraffen oder einem Schwein auf der Schlachtbank sieht und hört man eine Heuschrecke nicht leiden. Das empört kaum jemanden. Natürlich, auch Insekten haben ein Empfinden, nur weiss man darüber noch ziemlich wenig. Und es soll ja sogar Leute geben, die einen Salat schreien hören, wenn man ihn pflückt. Aber können Sie sich jemanden vorstellen, der Hunderttausende von Mehlwürmern aus ihren Zuchtbottichen befreien will? Und ausserdem müsste ich dann auch, und vor allem ich, Drohbriefe bekommen haben, meinen Sie nicht?

Krissy Kraut nickte. Können Sie sich vorstellen, wem Ihr Cousin sonst so in die Quere gekommen ist, dass der ihn hätte umbringen wollen?

Der Hannes war als junger Forscher ganz gut unterwegs, wenn ich das so salopp sagen darf. Da geht es um Forschungsgelder, Jobs, Karrieren. Und die Intrigen, die da gelegentlich angezettelt werden, die sind nicht schön, das kann ich Ihnen sagen. Ob sich aber da ein Mordmotiv finden lässt, das bezweifle ich.

Hatte er denn Aussichten auf eine Karriere als Forscher?

Oh ja. Er war einer der ganz Guten, man hat sich nicht nur hier in der Schweiz einiges von ihm versprochen. Und der Hannes hatte Angebote aus der Industrie. Leute, die einen Forschungssatelliten quer durchs Sonnensystem schicken und unter Zeitdruck auf einem porösen und müffelnden Kometen landen lassen können, sind in der Hightechindustrie ziemlich begehrt. Aber das hat ihn nicht interessiert. Er war durch und durch Forscher. Etwas zu entwickeln und zu bauen, das auch unter schwierigsten Bedingungen verlässlich funktionierte, war ihm natürlich wichtig. Aber nur, weil er so sein eigentliches Ziel erreichen konnte. Ihm ging es in erster Linie um Wissensgewinn. Sein Forscherdrang trieb ihn an, seine wissenschaftliche Neugierde. Er war der typische Grundlagenforscher. Ob man aus den Resultaten der Programme, an denen er beteiligt war, so etwas Praktisches wie eine neue Teflonpfanne entwickeln konnte, das interessierte ihn nicht.

Um direkt etwas in der Welt zu bewirken, hatte er seine Insekten, die viel Protein für viele liefern sollten. Aber ehrlich gesagt, hatte ich manchmal den Eindruck, er pflege diese Schrulle vor allem mir zuliebe.

Ihnen zu liebe, weil Sie seine Lieblingscousine sind?

In gewisser Weise, ja. Ich bin die einzige nähere Verwandte, die er noch hatte. Wir haben beide keine Geschwister. Soziale Kontakte zu pflegen, fiel ihm nicht so leicht. Und die Insektensache war für ihn eine gute Art, so etwas wie familiäre Nähe aufrecht zu erhalten.

Erst jetzt merkte Krissy Kraut, dass Stella Etter das eine oder andere Mal mitten in einem Satz leer geschluckt und sich geräuspert hatte. Etter blinzelte und versuchte ein Lächeln, das aber nicht so recht gelingen wollte. Der Tod ihres Cousins ging ich doch nahe, klar. Kraut hätte sich auch gewundert.

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