28. Kapitel

in dem Angst messbar ist und in dem eine Drohbriefschreiberin endlich einen dicken Roman schreiben will.

Die Bachelorarbeit würde rasch gemacht sein, da hatte Kira Wilhelmina Reinmuth keine Zweifel.

Material hatte sie genug. Presseberichte, abenteuerliche Erklärungsversuche und wilde Spekulationen in den sozialen Medien, Vorstösse im städtischen und im kantonalen Parlament, Beschwichtigungen des städtischen Sicherheitsdirektors und des kantonalen Polizei- und Militärdirektors.

Prächtiges Material, mit dem sie zeigen konnte, wie Angst medial und politisch wirkte. Angst-Framing würde sie das in ihrer Arbeit nennen: Das Angst auslösende Moment gibt den Rahmen, der in der Folge die Wahrnehmung des Phänomens und das Sprechen darüber vorgibt.

Aber nicht nur das Denken und Sprechen werden von der Angst gesteuert sein, auch deine Bewegungen sind – kaum wahrnehmbar – zögerlicher, deine Schritte werden kürzer und weniger entschlossen, vielleicht sogar etwas unsicher, dein Atem ist kürzer und der Brustkorb sackt um wenige entscheidende Millimeter ein, die Schultern ziehen sich leicht zusammen. So hockt dir die Angst nicht nur im Hinterkopf, sondern gut versteckt und wirkungsvoll in den Knochen. Die Welt ist nicht das, was der Fall ist. Die Welt ist das, was über sie erzählt wird.

Und sie ist messbar, wissenschaftlich, die Angst.

Aber was interessiert dich die Wissenschaft. Dich interessiert, was du fühlst. Und es fühlt sich nicht gut an, diese Angst zu haben. Du stemmst dich dagegen. Du machst deine Brust breiter, sprichst einen Tick lauter, abgehackter, bestimmter und bestimmender, schnarrend und laut bellend, wenn es sein muss. Deine Schritte nehmen mehr Raum, haben mehr Gewicht. Jetzt ist er da, der Hass, der unter dem Groll hockt, der Bruder der Angst, der dir das Gefühl gibt, alles aus dem Weg räumen zu können; der dich stark macht, gefährlich für jeden, der sich dir in den Weg stellt. Und du fühlst dich wohl in deinem Hass, mit dem du allem gewachsen bist und der zu wohliger Wut angestachelt wird von Trollen und Bots von jenen, denen dein Hass dient.

Was Kira im Moment aber fast mehr interessierte als ihre universitäre Qualifikationsarbeit, die so gut wie geschrieben war, das war etwas ganz anderes.

Auf der Bühne stehen und einen ganzen Saal zum Lachen oder Johlen bringen, das mochte ein grossartiges Gefühl sein. Sie aber wollte ein Buch, Kira Wilhelmina Reinmuth wollte auch ein richtiges Buch. Oder etwas, das zumindest ausschauen würde wie ein Roman – das aber eigentlich der Abschluss war ihres Projekts des persuasiven Sprachgebrauchs: Der Weltuntergang als faszinierender Lesestoff. Der Schrecken, durch den man lesend geborgen geführt wird, ist allemal angenehmer, als seine eigenen Schrecken ertragen zu müssen.

Nicht ein Sammelbändchen mit kurzen Texten, neinnein, sondern ein Buch, das man mit einem satten Zloff auf den Tisch wuchten kann. Oh, ja, dick musste es werden und schwer. Einen gewichtigen Titel und einen knackigen Klappentext brauchte es. Wer ein schweres Buch in der Hand hält und dieses körperlich erfahrbare Gewicht mit ersten Informationen zum Inhalt verbinden kann, hält so ein Buch für wichtiger als ein dünnes, leichtes Buch.

Dass wir diese Metaphorik von «gewichtig» verinnerlicht haben, zeigten wissenschaftliche Studien ziemlich klar. Und wozu sollte Kira sich durch solche wissenschaftlichen Artikel arbeiten? Um dann daraus nichts zu machen? Da wäre sie ja schön blöd.

Aus ihrem Material soll ein mordsmässiger Textbrocken werden, eine Dystopie, grosse Weltuntergangsprosa. Und Kira wusste auch schon, wie sie es anpacken wollte.

Literarische Texte sind immer auch Erklärungsangebote. Diese Angebote werden umso bereitwilliger angenommen, je besser der Text die Leserinnen und Leser ihre geheimen und geheimsten Wünsche in der Phantasie ausleben lässt. Der Text muss attraktive, nicht zu simple und durchsichtige Identifikationsangebote machen, dann hat man die Leute im Sack und kann ihr Verständnis von sich selbst und der Welt steuern.

Und diese Identifikationsangebote könnte man auch, wenn man es sich genau überlegt, zumindest für die elektronische Buchausgabe individuell anpassen, je nach Datenprofil, etwa so wie in der politischen Propaganda.

Nur kleine, aber entscheidende Nuancen. Ein, zwei Faustschläge mehr bei einer Schlägerei für die Wütenden, eine Portion mehr Zweifel und Zwiespalt für die Introvertierten, um ein paar Zeilen längere Dialoge für die Extrovertierten.

Das Feuilleton würde aufheulen, oder besser gesagt, das, was vom Feuilleton noch übrig geblieben ist, würde – praktisch ungehört – aufheulen. Massgeschneiderte Identifikationsangebote eines literarischen Textes. Schöne Zukunftsmusik. Vielleicht beim nächsten Buch.

Hmm, zu Identifikations- und Erklärungsangeboten von literarischen Texten hatte sie sich doch einen Aufsatz aus einer Datenbank der Unibibliothek heruntergeladen. Hmm, aber wo hatte sie den Text abgelegt. Sie musste dringend Ordnung machen.

In Ihrem Literaturverwaltungsprogramm hatte sie sich für ihre Bachelorarbeit eine Literaturliste zusammengestellt und mit Notizen und Exzerpten ergänzt. Für diesen Text musste sie aber anders vorgehen. Sie würde sich wohl dieses Programm anschaffen müssen, wie hiess es noch gleich, Scriptor, genau. Man plottet, setzt also zuerst die Struktur, verbindet die einzelnen Elemente mit Dokumenten, Notizen, Entwürfen, Fassungen, kann die Struktur beliebig verändern und hat sein gesamtes Material schwuppsdiwupps ebenfalls in der neuen Struktur sortiert.

Und sie wollte ihr Material mit albtraumhaften Sequenzen durchziehen. Die würde sie natürlich nicht selbst schreiben, dafür fehlten ihr die Lust am Fabulieren und vielleicht auch die Phantasie. Und so ein Buch musste man ja auch nicht alleine schreiben. Sie war eher die Spielerin, die mit dem Material, mit Texten und Sprache jonglierte. Scriptor würde ihr dabei helfen, Scriptor und ein kauziger Kerl mit Namen Peter Schöffer.

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