29. Kapitel

In dem Kira Wilhelmina Reinmuth einen Text interessant findet und in dem es ihr egal ist, dass Peter Schöffer einmal von Ausserirdischen entführt wurde.

Peter Schöffer, für die, die᾽s noch nicht wissen sollten, Peter Schöffer wurde einst von Ausserirdischen entführt.

Ausserirdische vom Planeten B42 aus der noch unentdeckten fernen Gutenberg-Galaxis, um genau zu sein, erklärte Schöffer Kira Wilhelmina Reinmuth in seiner vollgestopften Wohnung nicht weit von Krissy Krauts Haus im Breitenrain.

Seit seiner Entführung leide er unter dem unglaublich starken und nicht zu unterdrückenden Zwang zu schreiben. Er finde kaum Schlaf, sagte Schöffer. Über Nonstop-Produktivität dank Ultra-Kaffee, durch die stärksten Kaffees der Welt, nur für richtige Männer, die sich unaufhaltsam machen mit Koffein-Dosierungen, die schon pro Tasse doppelt so hoch sind, wie die Mengen, die von Gesundheitsbehörden als noch unbedenklich angesehen werden, über Dead-or-alive-Coffee oder den Mindbooster könnte Schöffer nur lachen, wenn es ihn denn überhaupt interessieren würde. Auch so fahre er alle paar Stunden aus dem Bett hoch und müsse schreiben; Tagebuch, Notate von Erlebtem, Gedachtem, Erinnertem, Phantasiertem, wie besessen.

Und das sind die Texte, die Sie über Ihre Agentur anbieten, nehme ich an.

Gewissermassen. Originale gebe ich natürlich nicht aus der Hand. Das sind Energiespeicher, Sie verstehen.

Kira Wilhelmina Reinmuth verstand natürlich ganz und gar nicht und nickte mehr zögernd als zustimmend.

Die Ausserirdischen aus der Gutenberg-Galaxis zögen Energie aus seinem Schreiben oder genauer: aus seinem Geschriebenen, ergänzte Schöffer. Da kann ich die Originale nicht aus der Hand geben, das wäre für Sie viel zu gefährlich.

Jetzt nickte Kira Wilhelmina Reinmuth schon etwas überzeugter.

Was die mit mir alles gemacht haben, das wollen Sie gar nicht wissen, das können Sie sich gar nicht vorstellen, an mir rumexperimentiert haben die, nichts Sexuelles, wenn Sie das meinen, gewisse Leute machen sich ja gerne wichtig mit Sexzeug und Ausserirdischen, aber an unseren Fortpflanzungsorganen sind sie nicht interessiert, eher am Kopf, ja, die haben mir klebriges schwarzes Zeug in den Kopf gespritzt, mit Hochdruck, haben jede Hirnzelle damit verklebt, schwarzes Zeug, das sich in meinem Kopf zu ganzen Bibliotheken von Wissen und Visionen auftürmt, die Sie gar nicht kennen wollen, die Sie verzweifeln liessen durch die schiere Menge und die Geschwindigkeit, mit der sie wachsen und wachsen und wuchern und wuchern.

Es ist ein Fluch, so schreiben zu müssen, ständig schreiben zu müssen. Nichts wünsche ich mir so sehr wie ein weisses Blatt Papier, das weiss bleiben darf. Das Paradies stelle ich mir als unendliche weisse Fläche vor, über der es keinen Himmel gibt.

Schöffer seufzte.

Und ich muss Sie warnen. Ich bin zwar mein eigener Kopist, mache aus meinen kaum leserlichen Originalen Schönschriften, die weitgehend ungefährlich sind für Sie. Seien Sie aber trotzdem vorsichtig. Keine Angst, Sie müssen keinen selbstgebastelten Alufolienhut tragen. So etwas Lächerliches kann ja gar nicht funktionieren. Besser ist es, wenn Sie den Boden Ihres Schreibzimmers mit Wärmefolie auslegen und einige alte CDs an die Decke hängen. Sicher ist sicher.

Kira schaute sich in Schöffers Wohnung etwas genauer um. In jedem Zimmer, in der Küche und im Bad waren unzählige Tagebuchbände vom Parkett bis an die Decke und von Wand zu Wand aufgeschichtet. Nur in wenigen schmalen Durchgänge konnte man sich zwischen den Stapeln durchzwängen. Und in der abgestandenen Luft der staubige Geruch von unsortiertem und ungeordnetem Papier. Ein Anblick, der bei Laura Dewey, die als Bibliothekarin nicht anders konnte, als die Welt mit einer minimalen Systematik ordnend wahrzunehmen, blankes Entsetzen und tiefe Erschütterung auslösen würde.

Nichts anfassen und besser auch nichts zu lange anschauen, meinte Schöffer, als er in seiner Agentur, seiner Schreibhöhle, seinem Papierpurgatorium Albtraummaterial für Kiras dicken dystopischen Roman zusammensuchte.

Das könnte etwa passen, murmelte er, zog eine Kartonmappe aus einem wackligen Stapel und drücke sie der Jungautorin in die Hand. Durchaus brauchbares Material, fand Kira, nachdem sie einige Zeilen gelesen hatte.

Sie sind überall – unter uns – und wenn ich sage unter uns, meine ich unter uns. Wortwörtlich sind sie unter uns, unter dem Boden, überall. Die Ausserirdischen haben mir das erzählt, sie sehen sie im Boden graben und bauen. Ich hab es gesehen, im Raumschiff, als ich entführt wurde, haben sie mir die Erde gezeigt auf einem Bildschirm. Sie sind überall unter uns, seither spüre ich sie, wie sie da sind, graben und graben und graben, Verstecke, Stollen, finstere Winkel bauen. Finster, ja, aber nicht dunkel, nein. Und keine tropfenden Felsnasen, kein müffeliger Probenkellergeruch, wie er jahrelang dem grummelnd Saxophon spielenden Musiker und Nachbarn Wegge Wegelin in den Kleidern gehangen hat. Proberäume mit gestampftem Naturboden unter denkmalgeschützten Abbruchhäusern, Zivilschutzkeller, an deren Wänden Kondenswasser mit Teer und Nikotin schlierige Streifen bildete, Nebenräume von Tiefgaragen, in deren öffentlichen Teilen der Auspuffmief von Polos und Astras und in deren abgeschlossenen Teilen der bräselige Qualm von Lamborghinis und alten Aston Martins hing. Und in allen Proberäumen Kabelsalat und Eierkartonschick.

Und es sind auch keine Kavernen, in denen einer in einem See voller salziger Tränen leidet, keine Höhlen, in denen unter Schwefeldampf kochende Tümpel arme Sünder sieden, bis sie gar sind fürs Paradies; keine engen Gänge, in denen Höhlenforscher schneller verrotten als ihre Funktionswäsche; kein Röhrensystem, das im feuchten, warmgärenden Untergrund Zufahrt zu den Datenhighways der vernetzten Welt bietet, keine Brutstätten armlanger Maden, die zu vierflügligen Wesen heranwachsen, um gefrässig und in grossen Schwärmen wie ein Fluch verheerend über die Oberwelt herzufallen.

Nein, hier ist alles clean, sauber und beruhigend nett wie Warenhausmusik, während sich oben zerlumpte Gestalten wegen einem letzten Kanister Brennstoff die Köpfe einschlagen und die Hungernden sich gegenseitig die letzten Stücke zähes Fleisch von den Körpern reissen.

Kira Wilhelmina Reinmuth war sich noch nicht ganz sicher, was daraus werden sollte, aber sicher liesse sich damit etwas anfangen.

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