30. Kapitel

in dem sich eine Dame erinnert, die einst mehr als nur ein Bond-Girl war.

Krissy Kraut schob den nassen Schnee mit dem Besen vom Weg zu ihrem Häuschen. Vielleicht zum letzten Mal diesen Winter war ein Schäumchen Schnee gefallen.

Wie immer wischte sie auch bei ihrer Nachbarin Veronika den Schnee von den Stufen. Das Küchenfenster ging auf.

Frau Kraut, das ist aber lieb von Ihnen, ich mach uns einen Tee, und wenn Sie mögen, ich hätte noch einen Zitronencake. Oder müssen Sie zur Arbeit? Sicher haben Sie viel zu tun mit diesem neuen Fall.

Neinnein, sehr gern. Heute hat das noch etwas Zeit mit dem Arbeiten, antwortete Krissi Kraut. Mit dem Etter-Fall kamen sie im Moment eh nicht weiter, da konnte sie gut eine oder zwei ihrer vielen Überstunden kompensieren.

Kraut schob die letzten nass klebenden Schneebrocken zur Seite und stellte den Besen innen an den Zaun neben ihren Briefkasten. Auf den Stufen zu Veronikas Haus stampfte sie den Schnee von ihren Schuhen und klingelte.

Es ist offen, ich bin im Wohnzimmer.

Kraut stieg aus ihren Winterschuhen und hängte ihre Jacke an die Garderobe aus fein gemasertem und dunkel lackiertem Holz.

Über weiche Teppiche – wohl aus dem Orient – ging sie ins Wohnzimmer, wo auf dem etwas zu grossen Holztisch mit den geschwungenen Beinen zwei Teller mit je einem Stück Zitronencake, zwei Tassen und auf einem Stövchen eine Kanne mit Kräutertee standen.

Veronika begrüsste sie mit einem Lächeln.

Schön, dass Sie vorbeischauen. Bitte setzen Sie sich doch.

Veronika goss Tee ein.

Und vielen Dank fürs Schnee wegräumen. Da bin ich immer schampar froh. Wissen Sie, mit meiner Hüfte geht’s einfach nicht mehr.

Kraut nahm einen ersten Schluck Tee. Etwas mit Spitzwegerich, sehr gut. Kraut konnte diese Winterstimmungstees mit Zimt und Orange nicht ausstehen.

Früher hat das ja immer der Franz gemacht, den Schnee weggeräumt, die schwereren Arbeiten im Garten. Aber das ist nun auch schon fast zehn Jahre her, dass der Franz nicht mehr ist.

Veronika seufzte.

Noch ein Stück Kuchen?

Kraut nickte und wusste nicht so recht, was sie sagen sollte, und fragte:

Waren Sie lange verheiratet, Sie und Franz?

Etwas mehr als zwanzig Jahre. Wir haben uns relativ spät kennengelernt – bei der Arbeit.

Sie haben in der Bundesverwaltung gearbeitet, nicht?

Ja, genau.

Und Ihr Mann auch.

Ja und nein. Er hatte einen grossen Betrieb für Import und Reparatur von elektronischen Geräten. Fernseher, Radios, Funkgeräte.

Kraut schaute ihre Nachbarin fragend an.

Und er hatte als Milizoffizier eine, wie soll ich sagen, Spezialaufgabe für die Landesverteidigung.

Sie waren im Militärdepartement?

Ja, bei einer Abteilung, die es offiziell gar nicht gab. Wir bauten Strukturen auf, mit denen man bei einer Besetzung des Landes …

… durch die Russen …

… die Sowjetunion, selbstverständlich. Deren Panzer standen nur ein paar hundert Kilometer von unserer Grenze entfernt. Wir waren mitten im Kalten Krieg. Also wir haben den Widerstand aus dem Untergrund vorbereitet.

P-irgendetwas, ich erinnere mich.

Das Projekt 26, richtig, die P-26. 1990 war mit einem Chlapf alles vorbei. Wir hatten uns als Patriotinnen und Patrioten verstanden und waren plötzlich Mitglieder einer finsteren Geheimarmee. Franz hat das bis zum Schluss nicht verwinden können.

Und Sie?

Natürlich war auch ich masslos enttäuscht, dass man uns nicht als heimatliebende Heldinnen und Helden, sondern als Putschisten hingestellt hat. Aber mit der Zeit habe ich begriffen, dass einem eine Organisation, die ausserhalb der demokratischen Kontrolle operiert und von der nicht ganz klar ist, gegen wen sie den Widerstand tatsächlich aktiviert hätte, dass einem so eine Organisation unheimlich vorkommen muss.

Aber uns schien es damals wichtig und richtig und zum Wohl des Landes. Und ganz ehrlich gesagt, es war auch spannend.

Das kann ich mir vorstellen. Sie haben ein Leben als Agentin geführt, mitten in möglicher Gefahr und umgeben von Geheimnissen. Gewissermassen.

Veronika lächelte und nahm einen Schluck Tee.

Ich war aber nicht bloss eine Art Bond-Girl, schmuckes Beiwerk für den Helden. Einen Aston Martin hätte ich lieber selbst gefahren als darin herumkutschiert zu werden, Sie verstehen.

Unter dem Decknamen Yvonne war ich Kurierchefin einer Sektion, tippte Botschaften in eine Chiffriermaschine, hatte Verstecke und Fluchtwegen zu erkunden. Und selbstverständlich wurde ich auch an der Waffe ausgebildet.
Aber das ist lange her; es war eine andere Zeit.

Muffige Räume in schmutzigem Weiss und mit Möbeln in dumpfem Bundesgrün. In geheimen Felskavernen in der Nähe der Festung Sargans, irgendwo zwischen Walensee und der Ostgrenze am Rhein, hatten sie mit Schusswaffen, Sprengstoff und Säure herumprobiert und geübt. Einmal war sie gar im Hauptquartier gewesen, einem Bauernhof in der Nähe von Burgdorf, idyllisch gelegen am Ausgang des Emmentals.

Wo es überall Depots gab mit Maschinenpistolen, Panzerraketen, Sprengstoff, Funkanlagen und beträchtlichen Goldvorräten, das wusste Veronika natürlich nicht. Fast niemand wusste, wer wo aktiv war. Aber alle kannten ihre Aufgaben für den Ernstfall.

Es war eine andere Zeit, dachte Veronika, und sie dachte an ihren Franz, der so entschlossen und so überzeugt von der Sache war. Gerne würde sie sich stärker daran erinnern als an das dumpfe Bundesgrün.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstellt mit WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: