32. Kapitel

in dem nicht nur Bieli, sondern auch Laura Dewey viel Geduld braucht.

Das Bibliotheksgebäude in der Münstergasse, hmm. Doch, da arbeitete Bielis neue Freundin.

Bieli? Kraut musste ihr Telefon fest gegen ihr rechtes Ohr pressen. Ihr Fahnderkollege war nur schlecht zu verstehen. Aber er kapierte dann doch verhältnismässig rasch, worum es ging. Klar, er würde sich darum kümmern, da in der Bibliothek Münstergasse, diesem wichtigen Standort der Universitätsbibliothek, wie er etwas unpassend herausstrich, gleich mal vorbeischauen; ja, er habe da so seine Kontakte, das sei schon richtig. Und dass er darauf, auf sich und auf seine Freundin stolz war, konnte Kraut auch durchs Chrosen und Rauschen der schitteren Telefonverbindung hören.

Bieli war sich unschlüssig, ob er Laura Dewey mit einem Kuss und einem «Hallo, Schatz» begrüssen sollte oder eher fahndermässig dienstlich – da drückte ihm Dewey schon einen weichen Schmatz mitten auf die Lippen. Bieli war kurz aus dem Konzept, fing sich aber gleich wieder und begrüsste etwas verlegen den grossgewachsenen Walliser, den ihm seine Freundin als zuständigen Hausdienstleiter Reto Wachter vorstellte.

So, so, geheime Gänge soll es also bei uns geben, meinte er und lächelte amüsiert oder leicht spöttisch, genau konnte man das nicht sagen. Aber um solche Feinheiten zu erkennen hatte Bieli eh nur ein sehr limitiertes Talent.

Natürlich, den Fluchtstollen vom fünften Untergeschoss unter der Herrengasse und dem Kasino durch bis zum Frickweg, den gibt es immer noch. Aber versteckte Gänge und geheime Räume? Das würd mich also ziemlich überraschen.

Aber bei so alten Gebäuden konnte man nie wirklich sicher sein. Beiden, Reto Wachter und Laura Dewey, war der eigenartige Fall der Klosterbibliothek Odilienberg im Elsass bekannt.

Über tausend grossformatige Bücher aus dem 15. Jahrhundert verschwanden innert zweier Jahre – bei verriegelten und verschlossenen Türen. Rätselhaft, ein klassisches Locked Room Mystery. Die einzige Spur des Diebes: Immer nachdem wieder Bücher verschwunden waren, lag eine Rose vor der Türe des Bibliothekars. Einbruchsspuren fand man keine. Die Türen waren immer verschlossen geblieben, trotzdem verschwanden die Bücher.

Endlich kam ein findiger Polizist auf die Idee, dem mysteriösen Dieb eine Videofalle zu stellen. Und siehe da, sie ertappten einen Lehrer, der all die alten Bücher stibitzt hatte und zu Hause in seiner eigenen Bibliothek umsorgte. Die lateinische Grammatik, die Ars minor des Aelius Donatus aus den 1440er-Jahren, war leider nicht dabei. Selbstverständlich hätte er auch diesen Druck aus Strassburg mitgenommen.

Mitgenommen? Ja, mitgenommen, abgeholt gewissermassen.

Hatte er die Bücher nicht eher gestohlen?

Gerettet habe er sie, gerettet vor der Vernachlässigung, gab die pädagogische Fachkraft als Begründung für seine Diebestouren bei Kerzenlicht an.

Muss man denn Bücher retten? Das sei geradezu eine Pflicht. Vergessen, staubig und mit Taubendreck bedeckt hätten sie da gestanden. Niemand habe sich um die alten Bücher gekümmert, niemand habe sie beachtet, gar gelesen.

Aber wie war er durch die verschlossenen Türen in die Bibliothek gekommen? Niemand kommt durch eine verschlossene Tür, auch kein Lehrer. Vielmehr hatte er in einem Archiv einen alten Plan des Klosters gefunden und darauf einen Geheimgang, der zu einem Schrank in der Bibliothek führte. Ein Spaziergang war es aber dennoch keiner. Er musste Mauern hochklettern, sich wieder abseilen.

In der Münstergasse schien aber kein Geheimgang in einen Schrank der Bibliothek zu führen. Weder im Raum weit unten am Fluchtstollen, wo der dicke, dunkle Schiffsdiesel schon seit Jahrzehnten für den Weltuntergang bereitstand, noch im Raum weiter oben, in dem man das Wasser aufbereiten wollte, fanden sich Geheimtüren oder Stollenzugänge.

Die Wände waren massiv, etwas anderes als das satte Toctoc des Schraubenziehergriffs auf dickem Gemäuer war nicht zu hören. Und das war auch in den klimatisierten Magazinen nicht anders, in denen alte Manuskripte und prächtige historische Bücher, Land- und Seekarten lagerten.

So, meinte Wachter, als sie ins zweite Untergeschoss kamen, jetzt haben wir den ganzen Teil abgesucht, der Ende der 1960er-, Anfang der 70er-Jahre als Bunker für 500 Personen unter die Bibliothek gebaut wurde. Diese zwei Untergeschosse hier stammen ebenfalls aus jener Zeit, gehören aber nicht zur damaligen Zivilschutzanlage.

Hier haben wir beim letzten Umbau vor zwei Jahren kaum etwas unverändert gelassen. Ich war ein paar Mal auf der Baustelle. Geheime Räume hab ich nie gesehen, und höchstwahrscheinlich hätte es sich ziemlich rasch herumgesprochen, wenn man eine solche Entdeckung gemacht hätte.

Bieli brummte leicht enttäuscht, aber nicht besonders überrascht seine Zustimmung.

Aber wir können dann gern noch die Lagerräume hier im zweiten Untergeschoss und im ersten Untergeschoss die Gruppenräume und den Sonderlesesaal für die historischen Bestände anschauen.

Bieli nickte. Ach, meinte er, da suchen wir nach der Dings im Heuhaufen.

Nadel heisst es natürlich, nicht Dings. Die Nadel im Heuhaufen. Aber Bieli will bei dieser Redewendung die Nadel einfach nie einfallen. Das ist interessant, denn was Bieli nicht weiss, ist, dass er seine Existenz dem Übermut einiger Jugendlicher verdankt, die es lustig fanden, ein paar Stecknadeln durch eine Schachtel mit Präservativen zu stechen, die im Supermarkt neben den Rasierklingen hingen. Aber wie soll sich das in den unzugänglichen Schichten von Bielis sonst recht unkomplizierter Psyche abgelagert haben? Sonderbar, nicht?

Und hier, Wachter zeigte auf eine graue Türe, hier ist ein neuer Raum, den wir für einen grossen Teil der Haustechnik unter dem alten Gewölbekeller gegraben haben. Können wir uns natürlich auch anschauen.

Gewölbekeller? fragte Bieli.

Der Gewölbekeller gehört zum ältesten Teil des Gebäudes, erläuterte Laura Dewey, und augenblicklich hatte sie Bielis ganze Aufmerksamkeit. Das Gebäude wurde 1755 ja nicht als Bibliothek gebaut, sondern als Kornhaus, als Marktlaube für Milchprodukte und als obrigkeitlicher Weinkeller. Erst in den frühen 1790er-Jahren hat man erste Bibliotheksräume hier eingerichtet, weil im Westflügel des ehemaligen Barfüsserklosters, in dem die alte Hochschule untergebracht war, nicht mehr genug Platz war.

Obrigkeitlicher Weinkeller, das gefällt mir, grinste Bieli, obwohl Bier natürlich noch besser gewesen wäre.

Schon klar, entgegnete Dewey. Hier wäre ein geheimer Stollen sicher interessant gewesen, da hätte manch einer, der sich nur verdünnten sauren Most leisten konnte, gelegentlich ein Krüglein vom obrigkeitlichen Wein stibitzen können. Nur, wenn man ihn erwischt hätte, wäre er höchstwahrscheinlich auf dem Galgenfeld gerädert worden – mindestens.

Das Gesicht von Wachter, dem Hausdienstmitarbeiter, zeigte einen Anflug von Verzückung. Nicht weil er sich die grausligen Strafen für Weindiebe vor Augen geführt hätte, sondern weil er an die letzten Flaschen seines Lafnetscha dachte, die er noch gemacht hatte, ehe er seinen Weinberg mit den alten Walliser Rebsorten an einen Nachbarn verkauft hatte.

Ermüdend lange sind sie in einem systematischen Zickzack durchs verwinkelte Gebäude gegangen, haben in Schächte voll mit Kabeln und Rohren gelugt, Wände abgeklopft, Möbel verschoben – nichts.

Natürlich nichts. Hatten sie tatsächlich erwartet, hier mitten in der Altstadt eine klandestine Unterwelt zu entdecken? Unter einem Gebäude, das während mehr als zwei Jahren vom fünften Untergeschoss bis in den Dachfirst vollständig umgebaut wurde? In dem Dutzende, Hunderte von Bauleuten, von der Architektin über die Elektrikerin, die Sanitärinstallateure, Bodenleger, Schreiner, Sandsteinspezialisten, Metallbauer was weiss ich ein- und ausgingen, ohne dass auch nur eine neugierige Nase auf etwas derart Ungewöhnliches gestossen wäre?

Etwas müde dachte Bieli daran, sich heute Abend einfach einen dieser Filme anzuschauen, in denen der Held die Welt in Schutt und Asche legt, um zu verhindern, dass der Bösewicht die Welt in Schutt und Asche legt.

Komm, Laura Dewey legte ihm die Hand an den Oberarm, komm, wir trinken einen Kaffee. Reto Wachters Mobiltelefon klingelte. Ich muss los, sagte er entschuldigend, und schon war er nach einem knappen Salü im Treppenhaus verschwunden.

In der LesBar, die hübsch in die schmale Galerie eingebaut worden war, wo einst Säumer aus dem Berner Oberland ihren Käse an die Stadtbernerinnen und Stadtberner verkauft hatten, waren noch Plätze an den Fenstern zur Laube hin frei. Dewey könnte Bieli von ihrer neusten Lektüre erzählen, die eigentlich ganz gut passen würde jetzt. Aber sie mochte den Fahnder der Abteilung Leib und Leben der Berner Kantonspolizei nicht damit belästigen. Es war ja schon gut, dass er sich zumindest ein bisschen und vor allem prinzipiell für Literatur zu interessieren begann. Grad übertreiben durfte sie es nicht. Das würde viel Feingefühl und Geduld brauchen.

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