33. Kapitel

in dem wir die Geschichte des Studiosus Jean Apocrite und der Morpurgo erzählt bekommen.

Wir dagegen können uns hier gut Zeit nehmen dafür, was Dewey Bieli erzählen könnte. Von ihrem Fund können wir erzählen, von einem fast vergessenen Buch, einem raren Büchlein, einst in einem Kleinverlag erschienen, kaum gelesen.

Der Buchrücken und das schlechte Papier waren bereits brüchig. Was Dewey aber las, war so faszinierend wie kaum etwas, was sie bisher gelesen hatte.

Es war die Geschichte eines Unwetters. Der Sturm rüttelte an Türen und Läden, lies die Balken der Häuser ächzen und pfiff durch die Schindeln der Wände und Dächer. Äste krachten von den Bäumen, der Regen peitschte waagrecht übers Land.

Die Türe einer etwas armseligen Herberge sprang auf, ein Blitz warf den Schatten einer hageren und etwas schief stehenden Gestalt auf den Boden der Schankstube, und ein Donner krachte, ehe der Wirt die Tür mit drei derben Flüchen wieder ins Schloss drückte.

Verzeiht, sagte die hagere Gestalt, ich sah hier Licht, und draussen ist es sogar für einen, der nichts so liebt wie den blossen Himmel über sich, zu unwirtlich.

Hock dich an den Ofen und trockne deine Kleider, sagte der Wirt etwas mürrisch, iss und trink etwas.

Danke, gegessen habe ich schon vier Tage nichts mehr und ich habe auch kein Geld, sagte der Fremde, aber ich habe etwas, das euch vielleicht sogar mehr interessiert als Geld.

Was könnte mich mehr interessieren als Geld, fragte nicht ganz unerwartet der Wirt.

Eine Geschichte, erwiderte der Fremde.

Oh je, Geschichten höre ich genug, meist mehr, als mir lieb ist.

Eine solche Geschichte habt ihr aber euer Lebtag noch nicht gehört und werdet ihr auch euer Lebtag nicht mehr hören.

Bestimmt habt ihr noch einen Teller von dem Bohnen- und Rübenmus und einen Kanten Brot, Wirt, sagte darauf eine gut gekleidete Frau, die ihren dösenden Mann mit dem Ellbogen anstiess. Der begriff zuerst nicht viel und blinzelte verschlafen.

Tischt ihm auf, Wirt, eine Geschichte, wie man sie sein Lebtag nicht mehr hören wird, bekommt man nicht jeden Tag erzählt.

Endlich dämmerte dem Mann, und umständlich kramte er Geld aus seinem Hirschledersäckel.

Es war in einer Nacht wie dieser, begann der Fremde seine Geschichte, als er einen ersten Schluck genommen und ein paar Löffel vom aufgewärmten Mus hastig verschlungen hatte. Er lehnte sich leicht zurück und setzte sich bequemer hin. Erst jetzt sahen der Wirt und die Gäste, dass der Fremde am linken Unterschenkel ein roh gezimmertes Holzbein trug.

Es soll eine Nacht wie diese gewesen sein, müsste ich wohl besser sagen, denn ich habe diese Geschichte nicht selbst erlebt, ich bin nur der Bote. Aber ich bin ein verlässlicher Bote, da könnt ihr euch gewiss sein. Keine Silbe dieser Geschichte habe ich vergessen, seit ich sie erzählt bekommen habe.

Geschichten sollen gelegentlich auch besser werden, wenn sie nicht genau so erzählt werden, wie sie gehört wurden, wandte die Frau ein, deren Mann – wohl ein gut genährter Kaufmann – schon wieder halb weggedöst war. Aber wie du willst, erzähl.

Also, fing der Fremde an, ein junger Student der Mathematik und Astronomie war einst auf dem Weg nach Dänemark, um beim berühmten Ticho Brahe die Sterne zu erforschen und vielleicht, er wagte es kaum zu hoffen, weil es bisher als undenkbar galt, dass das Firmament anders als vollkommen geschaffen sein sollte, vielleicht einen neuen Stern zu entdecken.

Der Studiosus, wir wollen ihn Jean Apocrite nennen, hatte sich im gröbsten Sturm, den er je erlebt hatte, verirrt und suchte nach einem sicheren Unterschlupf. Da sah er ein flackerndes Licht. Er ging darauf zu und kam zu einem Häuschen, das sich eng an einen Felsen schmiegte. Er klopfte. Zuerst meinte er ein merkwürdiges Surren zu hören, konnte aber nicht sagen, ob es aus dem Innern des Hauses kam oder ob es eines der Geräusche des Windes war.

Eine Frau, gekleidet, wie es der Studiosus Jean Apocrite noch nie gesehen hatte, öffnete ihm die Tür. Die Frau war in Schichten von schwarzen und roten Tüchern gehüllt. Eine Windböe liess ihren Umhang flattern wie Insektenflügel.

Morpurgo, so hiess die geheimnisvolle Frau, hiess ihn hereinkommen, seinen tropfnassen Mantel und die durchnässten Schuhe ausziehen.

Ich habe gekocht, sagte sie, setz dich.

Und der Student der Mathematik und Astronomie meinte wieder dieses Surren zu hören. Von draussen kam es diesmal aber gewiss nicht.

Etwas Warmes wird dir guttun, sagte sie zwei Augenblicke später und stellte dem Wanderstudenten eine Schale mit einer dampfenden Brühe hin. Und, oh ja, es hatte gut getan. Gesüsst mit Honig, leicht bitter im Nachgeschmack, liess ihn schon der erste Schluck schwindlig in eine wohlige innere Wärme taumeln.

Komm, sagte irgendwann die Morpurgo – war es in nächsten Moment oder eine Stunde später, hatte er erst einen Schluck getrunken oder schon die ganze Schale geleert? –, und die Schichten von roten Tüchern, die Falten ihres unübersichtlich gewickelten Gewandes hatten geschimmert und sich geöffnet, hatten ihn umgarnt, wärmend aufgenommen, ein betörender Duft von warmer Haut hat seinen Schwindel verstärkt, weiche Arme, weiche Hüften, weiche Brüste, weiche Schenkel, er hatte sich aufgelöst in ihr, war nur noch goldiges Glück.

Wie lange er in diesem Glück geschwebt hatte, konnte er nicht sagen. Aufgewacht war er vor Kälte zitternd in einem Berg von muffigen Kissen. Im fahlen Licht meinte er die Wände einer feuchten Höhle zu erkennen. Der modrige Geruch von zerfallenden Pilzen stach ihm in die Nase. Wo war er bloss. Sicher nicht mehr in diesem Holzhäuschen, an dessen Tür er geklopft hatte. War er in einem Keller, einer Höhle, die hinter dem Häuschen in den Fels gegraben worden war? Und was war das für ein Geräusch? Hörte er ein tausendfaches Krabbeln aus ferneren und nahen Gängen und Stollen?

Er musste wieder auf den muffigen Kissen eingedöst sein und erwachte, als ihm eine Schale an die ausgetrockneten Lippen gehalten wurde. Die diesmal nicht mehr süsse, sondern nur noch bittere Flüssigkeit mochte er nicht trinken, aber sein Durst war grösser. Nach einigem Sträuben nahm er ein paar gierige Schlucke. Und wieder taumelte er aus der Zeit. Es war ihm, als rissen tausend Hände an ihm, als pumpe man seinen Unterleib leer.

Von Krämpfen geschüttelt und schwach wachte er wieder auf. Nicht mehr auf dem weichen Kissen, sondern in einer sonderbaren Höhle, einer Höhle, von der er kein Ende sah. Weich ausgekleidet war sie mit einem pilzartigen Geflecht, das auf schmierigen Holz- und Pflanzenresten zu wachsen schien. Und er, er war in dieses Geflecht eingebunden, ausgelaugt und halb tot.

Endlos lange versuchte er sich aus diesem klebrigen Zeug zu lösen. Als er schon fast alle Hoffnung aufgegeben hatte, begannen sich seine Fesseln zu lösen. Fast unmerklich zuerst, dann immer besser. Mit letzter Kraft riss er die letzten Fäden durch.

Erschöpft blieb er einen Moment liegen, um sich etwas zu erholen. Dann kroch er der feuchten Höhlenwand entlang zu einem Stollen, der etwas nach oben und vielleicht nach draussen führte. Als er einige Meter gekrochen war, zweigte ein kleiner Schacht steil nach unten ab. Vorsichtig versuchte er hinabzuschauen. Aber nur kurz, denn was er sah, liess ihn erschauern. Mitten in einem Gewühl von hellen, krabbelnden Leibern und umschwärmt wie eine Insektenkönigin die Morpurgo.

Jean Apocrite riss sich von diesem schaurigen Anblick los und kroch und kletterte weiter nach oben, nach oben, nach oben. Oben an der Flanke von Morpurgos Berg fand er nach draussen. Mehr rutschend als kletternd war er schneller unten, als er gedacht hatte. Neben dem Häuschen fand er in einer Holztonne seine Hose und seinen Mantel. Und so, nur mit Mantel und Hose bekleidet, habe ich ihn vor einigen Tagen angetroffen, so hat er mir für mein letztes Stück Brot seine Geschichte erzählt.

Nun, diese schön schaurige Geschichte aus diesem merkwürdigen Bändchen konnte sie Bieli auch später mal erzählen, oder vielleicht einige Passagen daraus sogar vorlesen. Jetzt war sicher nicht der richtige Moment dafür.

Und überhaupt könnte Bieli damit noch etwas überfordert sein – nicht zuletzt mit der geschlechterspezifischen Rollenverteilung. Und überhaupt, überlegte sie, sollte sie vielleicht möglichst wenigen von ihrem schönen Fund erzählen. Wer weiss, vielleicht käme am End jemand auf die Idee, aus dem Stoff eine Videoinstallation mit Livemusik oder gar ein Musical zu fabrizieren.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstellt mit WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: