35. Kapitel

in dem Bastiano Boscardin keine Hinkelsteine, aber einen Eingang findet.

Sicher sind Boscardin und Kraut rasch zu einem geschäftsmässigen Ton gekommen, beide froh, miteinander sprechen zu können. Und beide betrübt, dass das irgendwie ein frustrierender Chnorz war grad mit ihnen beiden.

Ich hab die Antennenortung von Malavenda, wird Kraut gesagt haben. Er muss sein Smartphone irgendwo zwischen Bierhübeli und Henkerbrünnli ausgeschaltet haben.

Was weder Boscardin noch Bachofen oder Kraut wissen konnten, was überhaupt nie jemand erfahren würde, war dies: Malavenda hatte sich noch einmal mit seinem Informanten aus der Prepper-Szene getroffen. Es gebe da, munkle man, einen versteckten Einstieg in ein Kavernen- und Bunkersystem beim Hirschenpark, einem kleinen und etwas verwahrlosten Spickel Grün an der Tiefenaustrasse kurz vor dem Henkerbrünnli.

Malavendas Prepper hat eine Nase für solch versteckte Zugänge und getarnte Anlagen. Den Einstieg mögen sie gefunden haben. Ob sie es geschafft haben, die Tür, das Tor zu öffnen und ins System zu gelangen, weiss man nicht. Weder von Malavenda noch von seinem Informanten hat man je wieder eine Spur gefunden.

Perutz, sagte Kraut mutz. In der Münstergasse ist nichts, Bieli hat eben angerufen. Ab er Perutz weiss vielleicht etwas über die unterirdischen Anlagen oben auf der Schanze, besser gesagt: unter der Schanze.

Perutz? fragte Boscardin zurück. Ja, vielleicht. Etwas Besseres fällt mir auch nicht ein. Boscardin war sich nicht sicher, ob die Telefonverbindung geknackt oder ob Kraut tatsächlich geschnaubt hatte. Er versuchte einen versöhnlichen Ton zu treffen.

Gut, wir sehn uns im Gebäude der Exakten Wissenschaften um.

Nach einer ganz kurzen Pause antwortete Kraut: Okay ich ruf Perutz gleich an.

Der Leiter des Hausdienstes war grad im Haus und auch gleich bereit, sich mit Kraut und Boscardin zu treffen. Er erwartete die beiden vor der Loge beim Eingang Sidlerstrasse.

Stollen, Gänge, davon gibt es hier jede Menge. Kavernen, die nicht mal ich kenne, Geheimgänge, von denen nicht mal ich weiss. Hinter oder sogar unter dem Tiefenlabor der Uni, wo Experimente gemacht werden, die ohne Vibrationen und ohne kosmische Strahlung durchgeführt werden müssen.

Dahinter, darunter? Feuchte Finsternis, dunkles Dämmern. Ja, wäre ich ein antiker Held, der ein Untier aus seiner Höhle scheuchen oder niederstrecken müsste. Aber ich arbeite beim Hausdienst und trage eine Brille.

Perutz lächelte.

Ein Kleinbisschen übertrieben habe ich, ganz ehrlich gesagt. Ich hab mal Mathematik studiert. Das ist zwar meinem Hang zum Rätselhaften sehr entgegengekommen, allerdings vermischt sich das gelegentlich mit einer gewissen Vorliebe fürs Dramatische.

Also kurz und knapp, da gibt es tatsächlich allerhand Tunnel und Gänge, die ich nicht kenne. Der ganze Hang ist durchlöchert – und wird weiter durchlöchert. Vom Hirschenpärklein her wird der neue Tunnel für den Tiefbahnhof der Bern-Solothurn-Bahn gebohrt.

Hirschenpark? Der lag doch an der Tiefenaustrasse, unterhalb des Bierhübeli und kurz vor dem Henkerbrünnli. Irgendwo dort musste Malavenda sein Telefon ausgeschaltet haben.

Ich schau mir das mal an, sagte Boscardin hastig, und ihr schaut hier, ob sich hier tatsächlich ein Zugang zu unbekannten Kavernen findet. Könnte doch gut sein, dass der Etter deshalb sein Leben lassen musste. Er ist irgendwem ins Gärtchen getrampt, beziehungsweise in einen Bunker. Du solltest Verstärkung anfordern.

Ich soll Verstärkung anfordern und du schnüffelst allein nach geheimen Bunkeranlagen, du hast ja Ideen. Kommt gar nicht in Frage.

Erstens ist Malavenda mein Cousin, und da warte ich nicht lange auf Verstärkung, und zweitens kannst du deinen Leuten ja sagen, wo ich mich umsehe, dann können sie später auch noch vorbeischauen.

Perutz wunderte sich etwas über den Ton dieses Dialoges, sagte dann aber ganz neutral: Ich hol mal ein paar Taschenlampen, man weiss ja nie.

Boscardin war aber schon weg, noch bevor Perutz seinen ersten Satz beendet hatte. Boscardin schwang sich auf sein Velo und flitzte von der Sidlerstrasse zum Bierhübeli.

Boscardin fuhr langsam auf dem Trottoir runter Richtung Henkerbrünnli. Nach links zweigte ein kleiner, pflastersteinholpriger Weg ab. Hier unten am äussersten Spitz des Hirschenpärkleins, wo einst Hirsche und Bisons in Gehegen gehalten wurden, stand bis vor kurzem ein Kreis von Betonhinkelsteinen, in deren Mitte Opfersteine und ein Auto – ebenfalls aus Beton. Alles war mit Gestrüpp und Moos überwachsen. Eine Tafel nannte den Künstler und den Titel dieses etwas vergessenen Werkes: Mercurius Weisenstein. Kult(Ur)fund Bedenkstätte.

Die Hinkelsteine und das Auto waren nicht mehr da. Da gab es also keinen Betonhinkelstein zur Seite zu rücken, keine versteckte Vertiefung zu finden, in der sich ein Mechanismus auslösen liess und so knirschknirsch ein Stein einen geheimen Eingang freigab. Der Boden war aufgerissen, die Bäume im hinteren Teil des Parkes gefällt, damit mit grossen, rumpelnd krachenden Maschinen die Zufahrt zum neuen Tiefbahnhof der Bern-Solothurn-Bahn gebohrt werden konnte.

Aber hier am äussersten Spitz des zerwühlten Pärkleins standen oben am Hang unter der Neubrückstrasse die Bäume noch unversehrt. Und Boscardin brauchte nicht lange zu suchen. Oben am Hang, mitten im Nadelgehölz, das die Verbauung der Strasse oben verdeckte, fand er unter Efeu und Haseln versteckt eine rostfleckige Stahltüre, die sich verblüffend leicht öffnen liess.

Boscardin hatte sich schon ausgemalt, wie er mit aller Kraft und seinem ganzen Körpergewicht die beiden Hebel vergeblich aufzudrücken versuchte. Ein kraftvoller Ruck an den Schliesshebeln hatte aber genügt, um die Türe mit einem fast scheuen und leisen Singen zu öffnen.

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