36. Kapitel

in dem wir das Ende von Krissy Kraut und Bastiano Boscardin beklagen.

Das bläuliche Licht seiner kleinen LED-Lampe – ein Werbegeschenk, das er immer am Schlüsselbund trug – leuchtete in einen engen und feuchten Gang. «Nackte und feuchte Mauern, von Tränendunst geschwängert», fiel Boscardin dazu ein, und nun wusste er auch, weshalb er plötzlich Lust hatte, eine Montecristo zu rauchen, eine Edmundo selbstverständlich. Nicht unbedingt hier drinnen. Lieber als in einem müffelig feuchten Stollen rauchte Boscardin seine kubanischen Zigarren mit Blick auf einen klaren Nachthimmel.

Boscardin meinte ein Geräusch zu hören.

«Es klang wie das Kratzen einer ungeheuren Klaue, wie ein Scharren mit einem breiten Instrument.»

Boscardin spürte einen Schlag und hört Glas splittern.

Das ist nicht gut.

Gar nicht gut.

Leere Halbliterbierflaschen bersten bei einer Energie von 40 Joule, volle schon bei 30, fiel ihm noch ein. Ein menschlicher Schädel bricht je nach Schädelregion bei 14,1 bis 68,5 Joule. Hatte er nicht selber an dieser Studie mitgearbeitet?

Hatten sie nicht volle und leere Bierflaschen mit Knetmasse in einer Babybadewanne befestigt und dann Stahlkugeln gezielt und kontrolliert auf die Flaschen fallen lassen?

Die Wahrscheinlichkeit, jemandem mit einer leeren oder vollen Flasche den Schädel einzuschlagen, ist ziemlich gross, das konnten sie mit ihrer Experimentenreihe zeigen.

Wars eine volle Flasche oder eine leere?

Das ist in diesem Fall eigentlich nur noch eine akademische Frage, beziehungsweise gar keine mehr.

Auch ein ausserordentliches Gehirn wie das von Boscardin, das unzählige Neuronenverbindungen mehr hat als ein durchschnittliches, übersteht einen solchen Schlag, die Schwellungen und Blutungen nicht. Da und dort jagen noch elektronische Ladungen durch die Nervenzellen und Synapsen.
Hektisch suchen sie neue Wege, schlagen Alarm, vergebens, flackern vielleicht noch, dann —

Als Teenager hatte Boscardin tatsächlich die Comics über den unglaublichen Hulk, den grünen und vor Wut kochenden Koloss verschlungen.

Genau die richtige Comicfigur für einen, der kaum wusste, wohin mit dem Durcheinander all seiner von einer inneren Hitze getriebenen Gedanken und Gefühle und einer unerklärlichen Wut.

In Boscardin war jetzt aber keine Wut mehr.

Nur ein Schemen flackerte noch durch sein zerschundenes und zerquetschtes Hirn: Krissy Kraut als wütendes grünes Muskeldings, das mit der massigen grünen Faust wutschnaubend durch Felsen, Bunkerdecken hämmert, blindlings zertrümmert, was ihr in den Weg kommt, dem System die Eingeweide rausreisst und ihn schliesslich überraschend zart aufnimmt.

Eine kolossale Pietà – was für ein schöner allerletzter Gedanke ganz am Schluss.

Bestimmt hätte sie sich darüber gefreut.

Krissy Kraut hatte tatsächlich hinter einem Gestell eines Technik-Raumes einen engen Schacht gefunden, der keine Funktion zu haben schien. Perutz war ziemlich verblüfft.

Ich schau mal kurz nach, meinte Kraut zu Perutz. Meine Kollegen müssten bald hier sein. Am besten, Sie warten hier.

Sie war in den Schacht gekrochen, der horizontal einige Meter weit führte. Bald musste sie nicht mehr vorwärtsrobben, sondern konnte, wenn auch leicht gebückt, einigermassen bequem gehen.

Aber etwas stimmte nicht.

Sie hatte plötzlich Kopfschmerzen.

Schlagartig.

Kopfschmerzen?

Hatte sie doch sonst nie.

Ganz im Gegensatz zu Boscardin, dessen sensibles Superhirni manchmal schneller arbeitete, als gut für ihn war.

Dann hatte er eine Bohrmaschine im Kopf, der in einem Schraubstock steckte.
Und nur manchmal half es, wenn er ein hochdosiertes Ibuprofen mit einem dreifachen Ristretto runterspülte.

Aber sie, Krissy?

Nie.

Nicht mal, wenn sie die Mens hatte.

Aber heute, wie wenn sie einen zu kleinen Sturzhelm ohne Polsterung auf hätte.

Ein leichtes Flimmern in den Augen.

Das immer stärker wurde.

Lästig.

Man hätte feststellen können, dass tatsächlich bei den .357-Magnum-Revolvern am meisten Gewebematerial und Blut zurück in den Lauf spritzt. Man hätte diesen Backspatter auch analysieren können. Haare, Haut, Knochensplitter, etwas Gehirnmasse – vielleicht einige Neuronen, die Erinnerungen an Boscardin gespeichert hatten, Erinnerungen an seinen Blick, der ihr manchmal durch und durch ging, Erinnerungen an seinen Geruch. Aber das wäre doch auf eine sehr, sehr eigenartige Weise romantisch. Eher waren es Hirnzellen aus dem Sprachzentrum, in dem der Dialektausdruck «Chlapf» gleich neben dem hochdeutschen «Knall» abgelegt war.

Nur wird man die Waffe nie untersuchen, man wird nie wissen, war es ein Colt Python oder eine Smith & Wesson Modell 686, weil man die Waffe nie finden wird, so wenig wie die leblosen Körper von Kraut und Boscardin.

Nun kann man sich natürlich fragen, wieso werden die Leichen von Boscardin und Kraut so professionell entsorgt, der geplatzte Körper des armen Etter aber so stümperhaft deponiert? Ein Anfängerfehler? Ein Ablenkmanöver? Ein Planungsfehler?

Und wer war es nun, der Johann Baptist Etter gekocht, Krissy Kraut erschossen und Boscardin erschlagen hat?

Wir wissen es nicht. Und es spielt auch keine Rolle. Für die Drecksarbeit findet sich immer jemand. Jemand, der᾽s gern tut, der᾽s für Geld tut oder aus Überzeugung. Irgendjemand. Sie sind austauschbar – und überall.

Natürlich wäre es uns lieber, wir könnten sagen, der und der war᾽s, aus diesen und jenen Motiven. Gemein, fies, abgrundtief böse, hinterlistig, aber nun hinter Schloss und Riegel, bei der finalen wilden Schiesserei im Kugelhagel umgekommen, bei der Verfolgungsjagd nach zehn Überschlägen mit dem Auto fünfzig Meter unterhalb der Strasse in einem Feuerball zerschellt und verbrutzelt.

Wenn᾽s so einfach und tröstlich wäre. Aber nein, einfachen Trost haben wir nicht anzubieten. Rabenkrähen interessieren sich nicht für literarischen Trost.

Und so hocken sie da, schlau und schwarz, wie sie sind. Vielleicht regnet es, leichter Nebel, durchsetzt mit einem Hauch des herben Dufts einer Zigarre. Das wäre ganz passend. Vorstellen dürfen wir es uns, damit der Kreis sich schliesst. Zwei Rabenkrähen im Regen und dazu eine nicht gefällige, eher ergreifende Stimme mit diesen Zeilen:

Dies ist das End von Kraut und Boscardin.
Versöhnlich? Nein, das wäre Lug und Trug
Kein Mensch wird Blumen streun auf ihre Gräber

Es offenbart sich nichts, was hier verborgen;
Nur düstre Stille bringt uns dieser Morgen,
denn selten verstarben Romanfiguren so
Wie diese: Krissy und ihr Bastiano.

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