34. Kapitel

in dem ein nicht sehr talentierter Krimischriftsteller keine Lust hat, eine schrecklich zugerichtete Leiche zu werden.

Dass übrigens Bieli daran arbeitete, Dewey für den Fussball zu interessieren, konnte die Bibliothekarin zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen.

Wie man sich nicht für Fussball interessieren konnte, verstand er zwar nicht, aber auch er wollte nichts überhasten. Sollte er es mit einem Fussballkrimi versuchen? Vielleicht mit einem Berner Fussballkrimi? Aber wie findet man so ein Buch? Er nahm sich vor, bei nächster Gelegenheit mal zu googeln.

Aber auch wenn Bieli alle Finessen einer professionellen Suche kennen würde; wenn er wüsste, in welchen Datenbanken und Katalogen zu suchen wäre, wenn er mit Trunkierungen und den Booleschen Operatoren etwas anzufangen wüsste und eine kombinierte Suche machen könnte, oder auch wenn er gar den Unterschied zwischen einem Schlagwort und einem Stichwort kennen würde – ein Berner Fussballkrimi wäre nicht zu finden. Der Berner Fussballkrimi ist noch nicht geschrieben.

Claudio Enz könnte ihn schreiben. Claudio Enz, der vielleicht nicht talentierteste, aber fleissigste Berner Krimiautor. Und seit man ihn vor vier Jahren als Verdächtigen in einem Mordfall verhaftet und vernommen hatte, verkauften sich seine Bücher auch leidlich gut, war er einer der meistgelesenen.

An seine Verkaufszahlen oder an den Stoff für seinen nächsten Krimi mochte Claudio Enz im Moment aber nicht denken. Er hatte ganz andere Sorgen.

Claudio Enz hielt einen Brief in der Hand. Dort, wo seine Finger den Brief krallten, hatte sich das Papier schon vor drei Minuten feucht zu wellen begonnen, und Enz hatte das starke Bedürfnis, die zweite Hälfte dieses schönen 2000er Médoc, eines Château Chasse-Spleen, den er gestern Abend zu einem zarten Lammcarré mit Rosmarinkartoffeln geöffnet hatte, ohne abzusetzen direkt aus der Flasche runterzustürzen.

Natürlich hatte Enz von diesem grässlichen Mord gelesen, von der Leiche in der Tierkadaversammelstelle.

Viel wusste man nicht, die Informationen waren spärlich, die Schlagzeilen umso grosszügiger. Eine schrecklich zugerichtete Leiche, Drohbriefe, das waren gute Ingredienzen eines Kriminalfalles. Aber jetzt hielt er, Claudio Enz, Krimischriftsteller, genau einen solchen Drohbrief in der Hand. Und ganz sicher ist es überflüssig zu sagen, dass er absolut keine Lust hatte, ebenfalls eine schrecklich zugerichtete Leiche zu werden – oder überhaupt eine Leiche.

Die Kriminalliteratur trägt eine Erbschuld, und du bist schuldig!

In Edgar Allan Poes «The Murders in the Rue Morgue», der ersten Schablone der modernen Kriminalliteratur, ist ein Orang-Utan der Mörder. Ein Orang-Utan!! Das Tier als Konsumgut für ein billiges Vergnügen, für eine schäbige Sensation, die nur davon ablenkt, wer tatsächlich die Mörder sind. Die Menschen, die Tiere wie Ware behandeln und zu Millionen und Abermillionen abschlachten, ermorden! Jeder literarische Text, der sich gewollt oder ungewollt in diese Tradition stellt, macht sich mitschuldig an der Ausbeutung und Ermordung von Tieren!!

Himmel, was hatte er nur getan. Sein letzter Krimi hatte sich besser verkauft als alle seine anderen Bücher, war gar kurz auf Platz sieben und acht der Bestsellerliste gelandet. Ein Landkrimi. Und Landkrimis liefen nun mal sehr gut. Aber nicht nur deshalb war Enz durch die Weiler im Westen von Bern gewandert, hatte in Hofläden Gemüse, selbst eingekochte Konfitüre oder Holzofenbrote gekauft, hatte wann immer möglich mit den Bäuerinnen oder mit den Bauern einen Schwatz gehalten.

Dass er dieses Buch im Auftrag von CarneFidelio, dem Schweizer Fleischproduzentenverband, geschrieben hatte, band er natürlich nicht jedem gleich auf die Nase. Das wusste nicht mal seine Agentin.

Ein Krimi sollte es sein, klar, hatten die Marketingleute der Fleischproduzenten gemeint, aber lieber keine blutigen Morde, das schreckt nur ab und verdirbt den Appetit auf ein schönes Stück Fleisch. Aber, und das war wichtig, in Enz᾽ Krimi sollten möglichst viele Tiere vorkommen, denen es gut geht, die glücklich auf einem einigermassen idyllischen Hof leben und gut versorgt werden und die nur das Allerbeste zu futtern kriegen.

Ganz dezent vielleicht in einer Sonntagsszene der Duft von gutem Braten, oder warum nicht ein warmer Sommerabend mit dem Geruch von Gegrilltem und natürlich ein Landeger oder einen Cervelat in den Rucksack gepackt für die Schulreise der Kinder.

Das hatte Enz schön hinbekommen, wie er selber fand, aber jetzt machte er sich genau deswegen Sorgen.

Der Brief war im Stil leicht anders als die anderen Drohbriefe, Kira Wilhelmina Reinmuth hätte sich gewundert. Von ihr stammte er nicht. Sie interessierte sich nicht für Krimis. Sie hatte ein, zwei sprachlich eigenwillige Krimis dieses Österreichers gelesen, sonst konnte sie wenig mit all diesen auf ähnliche Weise originellen Ermittlerfiguren und auf ähnliche Weise originellen Fällen anfangen.

Enz hatte seinen Drohbrief auch nicht per Post bekommen, der Brief hatte auch nicht im Briefkasten gelegen, sondern auf dem Balkonsims.
Zwei schwarze Rabenkrähen hatten auf dem Dachkännel gehockt und neugierig nach unten geäugt.

Von Enz liesse sich noch einiges erzählen. Wie er tatsächlich die halbe Flasche Château Dings noch leerte, nicht in einem Zug, da hatte er sich wieder mal zu viel vorgenommen, aber doch immerhin recht zügig. Danach ist er in seinem Lesefauteuil vor seinem hölzernen Büchergestell eingeschlafen.

Die leere Weinflasche liess einen roten Kringel auf der runden Glasplatte des Eileen-Grey-Tischchens zurück, als Enz sie zwei Stunden später in die Kiste mit dem Altglas unter dem Schüttstein legte und sich einen Kaffee kochte.

Die Tasse mit dem heissen, etwas dünnen Kaffee nahm er mit an seinen Schreibtisch, setzte sich an seinen Computer und schrieb. Und schrieb. Und schrieb. Notizen, Ideen für eine Erpressergeschichte, die er vielleicht noch diesen Frühling zu einer längeren Kriminalerzählung oder einem kurzen Roman ausbauen konnte.

Daraus sollte aber nichts werden. Enz speicherte die Datei mit den Ideen und Notizen als «Erpresser-Stoff» ab – und öffnete sie nie mehr.

Aber das braucht uns nicht weiter zu kümmern, so wenig wie die Anfrage des Standortmarketings aus dem unteren Emmental, eine neue Regio-Krimi-Reihe in ihrer Gegend spielen zu lassen. Es kümmerte auch die beiden Rabenkrähen nicht, die bis im Frühling ab und zu auf den Bäumen und den Dächern rund um Enz᾽ Wohnung hockten.

Weit mehr als Enz und seine Schriftstellerei kümmern uns Kraut und Boscardin, die wir wohl einen Moment aus den Augen verloren haben. Ob sie schweigend einige Schritte nebeneinander durch die Kälte gegangen sind, wissen wir nicht. Es ist unwahrscheinlich. Zu einem Glas Wein oder gar einem Abendessen dürften sie sich auch nicht getroffen haben. Möglicherweise bei Gaia Bachofen in der Herrengasse, das Blubbern einer dicken Bohnensuppe aus der Küche, Kinderweinen aus dem unteren Stock.

Aber auch davon haben wir keinen Bericht. Viel eher haben Kraut und Boscardin nochmal kurz telefoniert, nachdem Gaia Bachofen Boscardin angerufen und gemeldet hatte, sie hätte von Malavenda immer noch nichts gehört, und das sei nun doch sehr, sehr beunruhigend.

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