37. Kapitel

das uns wieder zum Anfang zurückbringt.

Aufgenagelt hängt da einer mit klaffenden Wunden an dicken Nägeln an der Wand, ächzt und stöhnt, keucht, wimmert. Das ist kein schöner und schon gar kein erhebender Anblick, kein Trost, wenn du kaum den Kopf heben kannst vor Schmerz, runtergezogen vom Gewicht deines eigenen Körpers, der schwer an den dicken Nägeln an der frisch gemauerten Wand hängt. Nichts von der morbiden Eleganz eines aufgespiessten Prachtfalters, nur aufgenageltes, blutendes Fleisch, das dein Körper ist, das du bist. Du, dem Fetzen von Geschichten, Bilder, Gesichter, Namen durchs Gehirn zucken, kurz vor deinem letzten Atemzug.

Irgendwo schlägt eine Turmuhr. Wie spät? Die Schläge verschwimmen, dehnen sich. Acht Uhr ist schon durch. Aber es ist doch noch nicht zehn?

Als die Anstaltsärztin Dr. Crescenzia Kraut und der Hausdienstleiter Sebastiano Boscardin bei Ernst Gerter eintrafen, war noch Leben in ihm.

Wo hat er um Himmels willen diesen Stift her. Wer hat ihm diesen verdammten Stift gegeben, fluchte Dr. Kraut vor sich hin. Gerters Hände waren durchstochen, auf der linken Seite des Brustkorbes klaffte eine tiefe Wunde. Alles war voller Blut. Boscardin stand neben ihr. So viel Blut hatte er noch nie gesehen. War so viel Blut in einem Menschen?

Dr. Kraut fühlte Gerters Puls. Gerter schreckte zusammen und versuchte sich zu bewegen. Er wollte weg, nach Hause, zu seinen Texten.

Was murmelt er, fragte Boscardin, etwas Ma.. Mas.. ?

Manuskripte, seit Jahren spricht er von seinen Manuskripten. Aber es gibt keine Manuskripte. Er hat nie eine Zeile, geschweige denn ein Buch geschrieben.

Er sei Schriftsteller, hat er immer wieder behauptet, ein Schriftsteller, und zwar ein gemeingefährlicher Irrer, der für die Literatur gemordet habe, skrupellos, wie das nur richtige Künstler könnten.

Hat er denn?

Menschen umgebracht? Nein. Und mit Literatur hatte er, so viel wir herausfinden konnten, auch nichts zu tun. Er muss früher einmal Lehrer gewesen sein. Was ihn aus der Bahn geworfen hat, wissen wir nicht. Die Literatur wohl kaum. Das einzige, was wir in seiner Wohnung finden konnten, waren neben gammligen Lebensmittleln unzählige Stapel mit zusammengeklebten Seiten aus unzähligen Büchern. Dazwischen handgeschriebene Passagen wirrer Träume oder Phantasien. Die Handschrift Gerters ist das allerdings nicht. Woher er diese Texte hat, keine Ahnung.

Es schien, als zerrte Gerter an dicken Nägeln, die durch seine Hände geschlagen waren. Ein letzter Rest Blut floss aus den Wunden. Gerters Kopf sank nach unten, aber seine Augen wanderten, sie lebten, irrten durch die Flure eines Institutsgebäudes, durch die dunklen Kavernen der Unterwelt, streiften mit einer Katze durch Gärten und Hinterhöfe. Gerters Blick richtete sich nach oben zum Sternenhimmel, zu Sirius, der ihm den Weg wies

zum Gürtel des grossen Jägers

und zum Nebel des Orion,

in dem er sich verlor.

Und hier unten, hier, wo sich die Erde noch ein gutes Weilchen um unsere Sonne dreht, im Hof der Klinik oder besser des universitären Kompetenzzentrums für Psychiatrie und Psychotherapie, stehen die Kinder des Musikschulchors; scheu die einen, aufgeregt die andern, etwas gelangweilt die dritten, und singen, so gut es mit ihren Zahnlücken geht, das letzte Lied ihres Jahresständchens.

Äs bitzli Glück, schallallallalla
Äs bitzli Muet, schubidibidu
Äs bitzli Hoffnung tuet äm Läbä eifach guet …

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