2. Kapitel

in dem Krissy Kraut endlich auftritt und Bastiano Boscardin anruft – und in dem ein Toter zu beklagen ist.

Es war nur leichter Nebel, der vom Gäbelbachtäli heraufgezogen war und alles in ein leicht diffuses Licht getaucht hatte. Nach und nach konnte man den Wald, die Strassen erkennen, sah man Hochhäuser mit verwaschen roten Fassaden vor der Sonne stehen.

Bastiano Boscardin strich mit dem langen Streichholz über die Reibfläche der Zündholzschachtel. Er hielt die Flamme unters Ende seiner Zigarre, bis sich eine leuchtend runde Glut bildete. Der erste Zug einer Havanna ist immer ein Genuss, ja. Aber erst kurz bevor er die erste Hälfte seiner Romeo y Julieta geraucht haben würde, das wusste er, würde sich jene trunkene Klarheit einstellen, in der er an Patrizia Bühler denken konnte – und an Krissy Kraut.

Boscardin, warm eingepackt in seine Winterjacke, schaute von seinem Balkon hinunter auf die undeutliche Kontur der einssechzig grossen Micky-Maus-Figur, Detektiv Micky, der, wenn man’s genau nahm, den letzten grossen Fall gelöst und so Patrizia Bühler das Leben gerettet hatte.

Die glückliche Rettung der Literaturprofessorin hatte Boscardin aber natürlich nicht mit der Polyesterfigur gefeiert, die auf dem grünen und exakt geschnittenen Rasen von Hauswart Wirth stand, sondern mit Patrizia Bühler und Krissy Kraut, die die Professorin unzimperlich und entschlossen aus der prekären Situation rausgehauen hatte. Boscardin hatte einen umwerfenden Risotto gekocht. Kraut, Bühler und er tranken einen herrlichen, alten italienischen Roten dazu, aufgeräumt und glücklich darüber, den Fall gelöst zu haben beziehungsweise mit dem Leben davongekommen zu sein. Und irgendwie – niemand wüsste mehr zu sagen, wer wie den Anstoss dazu gegeben hatte – waren sie alle drei in Boscardins grossem Bett gelandet. Entspannt, zart, ja man könnte sagen himmlisch war die Nacht, die sie zu dritt verbracht hatten. Boscardin, der die Marotte pflegte, von seinen Geliebten die Leberflecken auf dem Rücken in seinem fotografischen Gedächtnis zu speichern und in ein Quadrantensystem einzufügen, dachte keine Sekunde an Muttermale und Leberflecken. Er war einfach nur glücklich wie ein Blödmann.

Nach dieser Nacht aber war nichts mehr wie vorher. Kraut wirkte seither etwas reserviert und zurückhaltend, so wie man sich jemandem gegenüber verhält, der zu viel von einem weiss. Bühler liess wochenlang nichts mehr von sich hören und antwortete auch nicht auf die Meldung, die er auf ihrer Combox hinterliess. Und wenig später nahm sie den Ruf an eine Berliner Uni an.

Boscardins Telefönchen surrte.

Ciao Boscardin, Kraut hier, meldete sich die Fahnderin der Berner Kantonspolizei, Dezernat Leib und Leben, trocken und kam, ohne seinen Gruss abzuwarten, gleich zur Sache.
Wir haben einen AgT – einen sehr aussergewöhnlichen.

Boscardin nahm einen Zug seiner Romeo y Julieta, die er schon fast bis zur Hälfte geraucht hatte.

Hmm, murrte Boscardin, und wie sehr aussergewöhnlich? Stimmt wieder mal etwas mit einem Einschusswinkel nicht oder rätselt ihr über den Gegenstand, mit dem jemand erstochen worden sein könnte?

Boscardin, meinte Kraut, und in ihrer Stimme hätte man fast wieder die Wärme hören können, die sie früher oft gehabt hatte. Würde ich dich wegen einem Einschusswinkel oder einer merkwürdigen Stichwaffe aus deinen Gedanken an die entschwundene Patrizia Bühler reissen?

Boscardin legte seine Zigarre in den Aschenbecher. Mit der trunkenen Klarheit würde das heute nichts mehr werden. Missmutig schwieg er in die Stille.

Die Leiche, fuhr Kraut schliesslich fort, die Leiche ist, wie soll ich sagen, ein aufgeplatztes Stück Fleisch. Ist das aussergewöhnlich genug?

Boscardin überlegte. Das hörte Kraut zwar nicht, aber die kurze Stille sagte allerhand. Dann antwortete er: Ich bin in zwanzig Minuten da.

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