3. Kapitel

in dem der perfide Anschlag auf das Hündchen von Frau Gredig leider nicht aufgeklärt werden kann und in dem eine Pathologin ohne Schuhe ein fleischiges Etwas präsentiert.

In der Holenackersiedlung, in der Boscardin wohnte, setzte Hauswart Wirth die Berner Fahne auf halbmast. Betrübt und wütend liess er die Fahne nach unten ruckeln und befestigte die Fahnenschnur wieder am Haken. Wir haben einen Todesfall, knurrte Wirth, als Boscardin ihn grüsste. Einen aussergewöhnlichen Todesfall, einen AgT, wie Sie wohl sagen würden.

Boscardin hob erstaunt die rechte Augenbraue.

Das Hündchen von Frau Gredig. Vergiftet, so eine Sauerei, sie ist abgrundtief erschüttert, das können Sie sich ja vorstellen.

Das konnte sich Boscardin tatsächlich vorstellen. Hauswart Wirth hatte dem zappelig-nervösen Hund von Frau Gredig einst mit der Velopumpe das Leben gerettet, als neben dem Hund ein Erstaugustböller losgekracht war und dem Tierchen den Atem verschlagen hatte. An der überschwänglichen und lang anhaltenden Dankbarkeit, die Frau Gredig Hauswart Wirth gegenüber gezeigt hatte, liess sich ihr Gram über das Ableben ihres Hündchens sehr leicht abschätzen.

Oh je, meinte Boscardin und fragte einigermassen interessiert: Hmm, hmm, hmm. Vergiftet, sagen Sie? Das ist nicht schön. Weiss man schon was und wie genau?

Hauswart Wirths Miene verdüsterte sich noch etwas mehr: Rosinen, meint der Tierarzt.

Rosinen, ja, die können bei Hunden durchaus lethal sein. Tödlich, fügte Boscardin an und erinnerte sich an eine britische Studie, die er vor ein paar Monaten gelesen hatte. Von 169 Hunden, die Rosinen in irgendeiner Form gefressen hatten, blieben 101 Tiere symptomfrei, bei 68 stellte man  Erbrechen, Durchfall, Apathie oder Nierenversagen fest. 50 davon erholten sich wieder, ein Hund blieb chronisch krank, 13 starben und vier mussten eingeschläfert werden.

Woran es lag, dass nur ein Teil der Hunde Symptome zeigte, konnte die Studie nicht nachweisen. Zeigen konnte sie aber, dass bei Hunden, die sensibel auf Rosinen reagierten, bereits eine Menge von 2,8 Gramm Rosinen pro Kilogramm Körpergewicht klinische Symptome auslösen konnte.

Hmm, hmm, hmm meinte Boscardin nochmal. Bei einem so kleinen Tier wie dem Hündchen von Frau Gredig dürfte eine halbe Handvoll Rosinen bereits genügt haben. So eine Menge kann gut zufällig auf dem Boden liegen, weil vielleicht das Znüniböxli eines Kindes mal runtergefallen ist.

Nichts da Znüniböxli! Die Rosinen hat jemand in den Lammfellstiefel von Frau Gredig gelegt. Der Kleine war ganz vernarrt in die Lammfellstiefel der Frau Gredig. Das muss der Mörder gewusst haben. Das schränkt den Kreis der Verdächtigen schon mal ein, wenn Sie mich fragen. Insiderwissen, gewissermassen.

Hier, Wirth hielt Boscardin ein Plastiksäcklein vor die Nase, in dem eine einzelne getrocknete Weinbeere lag. Ich habe sogar noch ein Exemplar sicherstellen können, schauen Sie.
Vielleicht lässt sich da noch die DNA des Täters feststellen.

Hmm, hmm, hmm, meinte Boscardin nun schon zum dritten Mal. Vielleicht, fügte er hinzu, obwohl er natürlich wusste, dass die Chance, DNA nachweisen zu können, um einiges grösser gewesen wäre, wenn Wirth die Rosine in einen Papierumschlag statt in ein Plastiksäcklein gesteckt hätte.

Ich werd ihn kriegen, das können Sie mir glauben, ich werd ihn kriegen, diesen feigen Mörder. Das hab ich der Frau Gredig fest versprochen.

Das werden Sie, sicher, Herr Wirth. Aber ich muss jetzt los. Ein AgT, Sie verstehen.

Hauswart Wirth seufzte und nickte. Das Böse lauert immer und überall, oh ja.

Dr. Gaia Bachofen, die junge Pathologin, stand wie meist barfuss neben dem Seziertisch. Wissen die Götter, weshalb sie nie kalte Füsse zu haben schien. Neben einer einnehmenden Selbstgewissheit, die gut zu ihrer fachlichen Kompetenz passte, strahlte sie eine samtene Sinnlichkeit und etwas bemerkenswert Mütterliches aus. Und das war Boscardin natürlich alleweil lieber als die besserwisserische Ignoranz ihres Vorgängers.

Wie der kleine Papyrus im viel zu grossen erdfarbenen Topf in dieser fast fensterlosen Unterwelt gedeihen konnte, war Boscardin rätselhaft. Aber an die kleine Sumpfpflanze zu denken, gab ihm nur kurzen Aufschub. Bachofen hatte das Leichentuch schon längst abgezogen, zusammengefaltet und auf ein kleines Chromstahltischchen gelegt, liess Boscardin und Kraut ohne weiteren Kommentar auf ein zerfetztes, fleischiges Etwas blicken.

Boscardin sah einen Körper vor sich, von dem Tausende spitzer Vektorpfeile abstanden, die ungeheure, von innen nach aussen wirkende Kräfte anzeigten. Kräfte, die diesen Körper zerrissen hatten. Wie hatte kürzlich ein angesehener Krimiautor gemeint: Er brauche keine neue Mordfantasien, er schaue sich lieber Innenwelten an. Nun, man könnte sagen, hier hätte er gewissermassen beides gehabt.

Gefunden wurde die Leiche in der Kadaversammelstelle des Tierspitals, erzählte Kraut. Der Fundort ist aber ziemlich sicher nicht der Tatort. Am Tatort muss es eine ziemliche Schweinerei gegeben haben.

Schweinerei? Ein schöner Speziesismus.

Krissy Kraut hob nur leicht die Augenbrauen. War sie hier die Stichwortgeberin fürs akademische Personal? Die doofen Fragen stellen, damit die Professorinnen und Doktoren lehrreich dozieren konnten. Pfft.

‹Schweinerei› wertet das Tier ab, diskriminiert es. Das Schwein muss für deinen Vergleich hinhalten, wird quasi zur Sau gemacht.

Von mir aus. Eine Schweinerei oder was auch immer. Ein Gschmier, ein Gschliergg. Speziesismus, meine Nerven. Das meinst du nicht im Ernst, oder?

Nein, lächelte Gaia Bachofen, ganz und gar nicht, ich wollte Boscardin nur genug Zeit geben, uns mit einem seiner genialen Einfälle zu verblüffen. Auf jeden Fall ist dieser Körper geplatzt, als wäre er gekocht worden. Nur weist er weder Verbrennungen noch Verbrühungen auf.

Vakuum.

Voilà, Gaia Bachofen lächelte.

Vakuum, schön, und sonst? Du darfst uns ruhig etwas mehr dazu erzählen, Professor Boscardin. Meine Güte. Kraut verdrehte ungeduldig die Augen.

Mit Vakuum. In einem Vakuum, oder einem vakuumnahen Zustand, beginnt das Wasser im menschlichen Körper schon bei Zimmertemperatur oder leicht darüber zu kochen. Also keine Verbrennungen oder Verbrühungen, und trotzdem kocht der Körper von innen – und platzt. Aber um einen menschlichen Körper einem Vakuum auszusetzen, brauchst du eine ziemlich grosse Vakuumkammer.

Sowas hat nicht jeder Mörder einfach so zu Hause. Bachofen deckte die Leiche wieder zu.

Ist anzunehmen.

Und wo gibt es solche Geräte? fragte Kraut.

Bei unseren Sternfahrern.

Bei wem?

Beim Center for Space und Habitability an der Universität. Die bauen an einem Satellitenteleskop. Grosse internationale Kiste. Und dafür haben sie eine ziemlich grosse Vakuumkammer, in der sie Teleskopteile unter Weltraumbedingungen bei Temperaturen zwischen minus 80 und plus 140 Grad testen.

Dann statten wir den Sternfahrern doch mal einen Besuch ab.

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