16. Kapitel

in dem sich Boscardin und Malavenda ein wunderbar trostloses Fussballspiel anschauen.

In der Nähe des Wankdorfs wäre Boscardin auf einem Zebrastreifen beinahe von einem dicken, schwarzen Schönwettergeländewagen über den Haufen gefahren worden.

Boscardin rasten mindestens 37 Zeitlupenaufnahmen von Dummies durch den Kopf – und von einigen wenigen echten menschlichen Körpern für die Referenzmessungen –, die mit 55 km/h angefahren wurden, in der Hüfte einknickten und mit dem Oberkörper und dem Kopf böse auf die Kühlerhaube knallten oder Windschutzscheiben durchschlugen.

Natürlich, Boscardin war in einem Alter, in dem man schon gelegentlich in den Todesanzeigen der Zeitung nach den Jahrgängen schielte, die nahe beim eigenen lagen. Nach kurzer, tapfer ertragener Krankheit ist er erlöst worden… In den Ferien auf Mauritius hat sein Herz aufgehört zu schlagen… Durch einen tragischen Unfall mitten aus dem Leben gerissen…

Aber mit seiner Todesanzeige hatte es schon noch etwas Zeit, fand Boscardin.

Am Heck des bulligen Vehikels sah er einen Kleber. «SIG Sauer – when it counts».

Schon recht, dachte Boscardin und vergrub seine Hände noch tiefer in die Taschen seiner Winterjacke. Ein Telefon am Ohr, zweieinhalb Tonnen Auto um sich herum, eine Neun-Millimeter-SIG-Sauer im Hosenbund, was kann einem da schon passieren.

Boscardin hatte schon ein paar dieser Typen getroffen. Einige an Waffenmessen, einige auf dem Seziertisch in der Pathologie.

Sie lebten – mehr oder weniger lang – mit der schönen Idee, sie könnten sich mit einer Schusswaffe verteidigen, wenn’s drauf ankam. Nur hatte dieser läppische Panzer aus Cowboy-Buben-Selbstgewissheit, den sie breitspurig vor sich hertrugen, noch nie ein Projektil, das Boscardin kannte – und schon gar nicht eines, das er in jungen Jahren mitentwickelt hatte – , davon abgehalten in einen Arm oder ein Bein, einen Bauch, einen Schädel einzudringen, aufzupilzen, durchzuschlagen, einen Wundkanal oder eine Wundhöhle ins Gewebe zu reissen.

Das Wetter war garstig, Graupel rieselte auf den Kunstrasen. Boscardin und sein Malavenda hockten auf der Nordtribüne des Stade de Suisse fast auf der Höhe der Mittellinie. Weit rechts von ihnen, in die obere Stadionecke gequetscht, das kleine Grüppchen St. Galler Fans mit ihren grün-weissen Fahnen und Schals. Links von ihnen auf der Osttribüne die schwarz-gelbe Wand der Young-Boys-Fans.

Die Balljungen und Ballmädchen verkrochen sich in ihre schwarzen Daunenjacken, ein Fotograf suchte sich mit seinem Schirm in den Regenbogenfarben, einem Rollkoffer und einem weissen Klapphocker einen guten Platz hinter der Bande mit den elektronischen Werbeanzeigen. Im Stadion-TV durften verletzte oder nicht aufgestellte Spieler der Heimmannschaft freundlich Fragen beantworten zu den Chancen ihres Teams und ob es denn nicht ein bisschen schmerze, nicht mittun zu dürfen.

Vergeblich wartete man auf die ehrliche Antwort, es sei ja nicht gerade das ideale Fussballwetter und in einer der geheizten VIP-Lounges sei᾽s doch bei weitem angenehmer, als sich in kurzen Hosen auf den begraupelten Kunstrasen grätschen zu lassen. Waren eben Profis.

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