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21. Kapitel

in dem ein Poetry Slam, schwarze Bettwäsche und eine Stromsonde in einem etwas merkwürdigen Zusammenhang stehen.

Der nächste Slam stand an, ein Auftritt in einer Art Industriehalle oder alter Tramwerkstätte vor jungem und aufgekratztem Samstagabend-Volk, und es gab nur eins: gewinnen, unbedingt.

Kira Wilhelmina Reinmuth nahm sich einen Text vor, der geschickt mit der emotionalen Wirkung des Dialektes spielte. Kurze Sentenzen in Standardsprache sollten jeweils mit der Dialekt-Floskel «das regt mi uf» abgeschlossen werden. So müsste eine Spannung zwischen der nüchtern konstatierenden Hochsprache und dem Dialekt entstehen, der unmittelbar und authentisch wirkt und der dem Schweizer Publikum näher ist als die Schweizer Varietät des Standarddeutschen.

Sprache und Inhalt packten das Publikum emotional, so müsste sie den Saal im Sack haben, mit einem schönen Steigerungslauf, bei dem sie sich prächtig in Rage würde reden können. Und natürlich immer schön «ich» sagen und etwas von sich preisgeben – beziehungsweise von Conny Comet, ihrem Bühnen-Ich, das sehr gern etwas von sich preisgab.

Wenn auf meiner Lieblingsbeutelsuppe steht «bald in neuem Design», und neu ist dann nicht nur die Verpackung, sondern es ist eine völlig andere Suppe drin.
Das regt mi uf

Wenn Journalisten schreiben, da müsse jemand die Kohlen aus dem Feuer holen, weil sie zu blöd sind zu merken, dass man doch besser die Kastanien aus dem Feuer holen sollte.
Das regt mi uf

Das Wort «Humankapitalausstattung»
Das regt mi uf

Und das Wort «Storytelling» sowieso
Das regt mi uf

Und geh mir weg mit einem cold brew
Das regt mi uf

Und mit Weizengrass-Smoothies oder Brennesselsamen und Maya-Superfood-Mist musst du mir auch nicht kommen
Das regt mi uf

Und all die schigg selbgebastelten Bars, die immer gleich aufgemacht werden müssen, wenn irgendwo ein Velohändler oder eine Druckerei aus einem abgchafleten Gewerbebau auszieht.
Das regt mi uf

Und die Zicke, die im Tram ihrer Freundin klagt, sie hätte doch in den Ferien tatsächlich ein Kilo zugenommen. EIN Kilo! Sie fühle sich schon wie ein Wal und würde sich nicht wundern, wenn jetzt die 34 viiiiiel zu klein sei für sie.
Das regt mi uf
DAS REGT MI UF

Gewonnen hat sie aber auch diesmal nicht. Gewonnen hat – natürlich – Kotzbrock 3.0. Dieser Arschelektriker hatte eine wichtigtuerische Neuversion des Sterntaler-Märchens in gewichtig raunendem Ton vorgetragen.

Das Sterntalermädchen gibt all seine Sachen nicht freiwillig und selbstlos her, bis es nur noch mit seinem Hemdchen bekleidet dasteht. Man nimmt ihm die Sachen auch nicht weg, nein, viel perfider bringt man es dazu, all seine Sachen hergeben zu wollen. Weil ja sonst diese schöne Geschichte nicht erzählt werden könne. Sie könne ihre Sachen schon behalten, das sei ihr gutes Recht. Aber sie müsse es dann halt schon sich selbst zuschreiben, dass diese doch nun wirklich schöne und herzerwärmende Geschichte nicht erzählt werden könne. Wenn sich das mit ihrem Gewissen vereinbaren lasse, gut, kein Problem, das ist ein freies Land und da darf man auch mal nur an sich denken. Willst du das, nur an dich denken? Nein, gell, nicht, also her mit den Sachen. Stell dich da hin im Hemdchen. Ergreifend sieht das aus. Und jetzt die Hoffnung, das Hemdchen aufgehalten, um die Sterne, die als goldene Taler aus dem Nachthimmel fallen, aufzufangen. Herzerwärmend, das gefällt manchem, das mit dem Hemdchen und den gütigen und dankbaren Augen. Das ist ein prima Geschäft und funktioniert in jedem Puff zwischen Istanbul und Amsterdam. Da regnet es nicht Goldtaler, aber immerhin Papiergeld, Kreditkartengeld, das aber irgendwie durch das Hemdchen hindurch in die Taschen anderer zu fallen scheint. Das Hemdchen bleibt leer, so leer wie der Blick des Mädchens mittlerweile geworden ist.

Meine Nerven, was für ein gezöpfelter Mist.

Im aufgekratzten Wort-Holdrio kitzelte der Kotzbrock 3.0 am schwelenden Unbehagen all der ausgelassen Entzückten, an ihrer stillen Wut, die finster unter der Samstagabend-Stimmung hockte, am Gefühl, immer alles und mehr geben zu müssen, der elende Zwang zur freiwilligen Selbstausbeutung, und dafür noch verarscht zu werden mit Floskeln wie persönliches Potential einbringen, Wissens- und Kompetenzmanagement, Aspekte der Persönlichkeit und Selbstreflexion in verschiedene Rollen des Arbeitens umsetzen blablabla würg.

Raffinierter Sack, der Kotzbrock.

Gewonnen hatte sie also nicht, aber sie hatte einen Schluck mitgetrunken, als der Kotzbrock 3.0 die Flasche geöffnet und herumgegeben hatte. Gut, vielleicht waren es auch zwei Schlucke. Oder drei.

Aber wo war dann plötzlich diese zweite Flasche Whisky hergekommen. Keine Ahnung. Und war sie dann später – war da noch eine Flasche Spumante oder Kirsch? – mit dem Kotzbrock in der Pfanne gelandet? Das kann nicht sein. So viel Whisky, Spumante und Kirsch gibt es auf der ganzen Welt nicht, dass sie mit dieser selbstverliebten Null ins Bett steigen würde.

Aber mal ganz abgesehen davon, hat der tatsächlich schwarze Bettwäsche und hat er mit seiner Stromsonde an ihr herumhantiert; gibt es die wirklich. Also doch nicht nur ein bösartiges Gerücht? Sie meint noch immer ein merkwürdiges Surren zwischen den Beinen zu spüren. Sind das Erinnerungsfetzen oder Ideen für eine abgefuckte Kurzgeschichte?

Kurzgeschichte hin, Kurzgeschichte her. Zuerst noch ein letzter Drohbrief. Nur eine Zeile diesmal:

Die Zinsen eurer kreaturfeindlichen Ausbeutung werden als blutige Sterntaler vom Nachthimmel fallen…

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