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22. Kapitel

in dem Bieli errötet, mit grossem Wissen zur aktuellen Spoken-Word-Szene verblüfft und den Mörder überführt – vielleicht.

Bieli sah sich den Drohbrief, der am Morgen in der Post der Abteilung Leib und Leben gelegen hatte, ganz genau an.

Ein Drohbrief, schön ausgedruckt auf einem Papier, das es fast überall zu kaufen gab, mit einem Druckermodell, von dem eine hübsche Anzahl im Umkreis von ein paar Kilometern in Wohnungen und Büros herumstehen mussten. Dass es kein Farblaserdrucker war, müssen wir wohl nicht speziell erwähnen. Denn auch Kriminelle wissen mittlerweile, dass Farblaserdrucker ein Muster von mikroskopisch kleinen gelben Punkten auf dem bedruckten Papier hinterlassen, aus dem das Druckermodell, die Seriennummer und die Tageszeit des Ausdrucks herausgelesen werden können.

Und klar hatte sich der Inhalt des Briefs auch fast mit Lichtgeschwindigkeit im Netz verbreitet. Kira Wilhelmina Reinmuth verschickte ihre Briefe nicht einfach nur per Post an die direkt Bedrohten und natürlich an die Redaktionen, sondern befeuerte damit auch gleich die sozialen Medien. Ein Einordnen ihrer Droh-Bijous ins Newsraster der Medien, die beruhigende Sortierung der Ereignisse des Tages, konnte Kira nicht gebrauchen. Ihre Drohungen mussten die Menschen unmittelbar treffen, ungeschützt, sie überfallartig in ihrem Alltag überwältigen.

Bieli kniff die Augen zusammen und schien angestrengt nachzudenken.

Sterntaler, hmm. Sterntaler Sterntaler Sterntaler, hmmm.

Ja, Sterntaler, Bieli, das ist ein Märchen von Andersen, so weit bin ich auch schon, stellte Kraut leicht gereizt fest.

Natürlich ist das ein Märchen von diesem Dings, aber es ist noch etwas anderes. Da war doch grad kürzlich was.

Bieli liess mit einer sehr gelungenen kriminalistischen Ermittlergeste den Zeigefinger über die Nase fahren.

Aber klar, ich hab’s.

Was hast du.

Ich hab’s und jetzt haben wir ihn.

Den Drohbriefschreiber.

Den Drohbriefschreiber und Mörder, genau. Mit den Sterntalern hat er sich verraten.

Wer hat sich verraten.

Darauf komm ich gleich, Geduld.

Krauts Blick zeigte aber ziemlich unmissverständlich, dass es mit ihrer Geduld nicht weit her war – auch wenn das mit der Geduld quasi eine Order von oben war.

Es hat natürlich schon einiges an kriminalistischem Scharfsinn gebraucht, Erfahrung – klar –, eine untrügliche Spürnase und einen gewissen kulturellen Hintergrund.

Einen gewissen kulturellen Hintergrund, so so, Kraut stutzte.

Kotzbrock 3.0

Was?

Nein, nicht was. Wer. Kotzbrock 3.0, das ist einer der bekanntesten Poetry Slammer und Spoken-Word-Autoren. Kotzbrock 3.0 ist natürlich nicht sein richtiger Name.

Das hatte sich Kraut beinah gedacht.

Stössel oder so heisst der richtig, erläuterte Bieli. Er hat vor kurzem den Poetry Slam in der alten Trafo- oder Tramstation gewonnen. Und jetzt rat mal, mit was für einem Text.

Woher soll ich das wissen, antwortete Kraut, ich war noch nie an einem Poetry Slam.

Aber ich.

Du überraschst mich, Bieli. Du und Literatur? Ist ja interessant. Das hat sicher etwas mit einer Frau zu tun.

Bieli errötete leicht und fuhr dann fort: Jetzt mal ganz abgesehen davon, der Kotzbrock beziehungsweise der Stössel hat den Slam mit einer Variation des Sterntaler-Märchens gewonnen. Das ist doch kein Zufall, dass kurz darauf ein Drohbrief auftaucht, bei dem es auch um die Sterntaler geht, um blutige Sterntaler. Der Kotzbrock ist unser Drohbriefschreiber und Mörder, jede Wette. Das sagt mir mein kriminalistischer Instinkt. Und der hat mich noch selten im Stich gelassen.

Kraut mochte das lieber nicht kommentieren und fragte stattdessen: Und deshalb willst du ihn vernehmen?

Nein. Ich will ihn verhaften. Der wars, das sag ich dir.

Es könnte aber auch jemand sein, der Kotzbrocks Sterntaler-Geschichte beim Slam neulich gehört hat.

Jetzt sei doch nicht so spitzfindig. Man muss ja nicht gleich über sieben Ecken hirnen. Immer zuerst die einfachen Möglichkeiten durchdenken. Kriminalisten-Handwerk. Also, diesen Kotzbrock-Stössel hol ich mir, fügte Bieli an und federte schon von seinem Bürostuhl, als sei für ihn die Gravitation in diesem Moment nur ein Bruchteil der normalen Erdanziehungskraft.

Wir kennen Bieli und wissen, wie entschlossen er unterwegs ist, wenn er auf der richtigen Spur ist. Und diesmal schien ihn das Resultat seiner Kombinationsgabe und seines Spürsinns besonders zu beflügeln. Man kann sich also in der einen oder anderen Kurve sehr gut ein Reifenquietschen vorstellen, das sich im Klangbild der Stadt Bern sehr gut machte.

Stössel, hier sind wir richtig, das ist dieser Kotzbrock 3.0, sagte Bieli vor dem Haus in der Rodtmattstrasse zu seinen uniformierten Kollegen und zeigte auf das Klingelschild.

Dann wollen wir mal. Bieli klingelte. Oben im zweiten Stock ging ein Küchenfenster auf.

Polizei, sofort aufmachen, bellte Bieli zum Fenster hoch. Bieli hörte aber keinen Türöffner summen, stattdessen kam an einer Schnur ein Bund mit uralten Schlüsseln zu ihm heruntergebaumelt.

Bis Bieli unter all den Keller-, Estrich- und Wohnungsschlüsseln den Schlüssel für die Haustür fand, dauerte es eine Weile. Bielis Laune wurde dadurch nicht unbedingt besser. Er stapfte den Kollegen voran die Treppen hoch. Im zweiten Stock stand der Kotzbrock schon in der Wohnungstür und überspielte seine Verwunderung mit einem souveränen Lächeln.

Wie kann ich helfen, hätte er fragen wollen, aber Bieli kam ihm zuvor: Stössel, Kotzbrock 3.0.

Ganz wie Sie wollen, ja, das bin ich.

Gut, sagte Bieli, dann schauen wir uns mal Ihre Wohnung an und Sie kommen mit auf den Posten und erklären uns mal, wieso Sie Insektenesser kochen und wieso Sie die Welt mit einem Blutregen ersäufen wollen.

Der Kotzbrock wirkte nun doch etwas verdattert und beunruhigt.

Was reden Sie da. Insektenesser und Blutregen?

Den Unwissenden können Sie dann beim Verhör spielen. Wir machen jetzt hier mal vorwärts, gab sich Bieli geschäftig, drückte dem Kotzbrock ein amtliches Schreiben in die Hand und stiefelte in die Wohnung. Gleich rechts neben der Eingangstür war ein kleines Badezimmer mit Gasboiler. Unter dem Fenster eine rosa bemalte Badewanne – noch mit Füsschen –, auf die hellblaue Fische aufgetupft waren. Die hatte der Kotzbrock wohl kaum selbst so angemalt.

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