31. Kapitel

in dem Malavenda verschwunden ist und Veronika sich erinnert.

Bastiano Boscardin brütete über einer Grafik mit einem verwirrenden Geflecht von Vektoren, und beinahe hätte er das Klopfen an seiner Bürotüre überhört.

Als er sich etwas abwesend umdrehte, schaute ihn die Gerichtsmedizinerin Gaia Bachofen mit einem freundlichen, aber nicht ganz unbeschwerten Lächeln an.

Hallo, störe ich.

Nicht die Spur, komm doch herein. Magst du einen Espresso? Ich hab gerade frischen gekocht.

Danke, antwortete Bachofen, ich bin schon aufgeregt genug. Hast du schon etwas von Malavenda gehört? Ich mach mir langsam Sorgen.

Boscardin seufzte. Keinen Pieps hab ich von ihm gehört. Habs schon x-mal probiert. Der Teilnehmer mit der Nummer sowieso ist zurzeit nicht erreichbar. Ich bin etwas ratlos.

Willst du nicht mal die Kraut anrufen? Vielleicht kann sie uns weiterhelfen.

Boscardin zögerte.

Komm jetzt, eure Gefühlsverwicklungen oder was immer ihr da gerade mit grossem Aufwand pflegt, interessieren jetzt niemanden. Wir müssen rausfinden, wo Malavenda ist. Ruf sie an.

Boscardin wählte Krauts Nummer, musste lange läuten lassen, bis sich Kraut, die mittlerweile an ihren Schreibtisch sass, endlich meldete. Er hielt sich nicht lange mit Formalitäten auf und meinte nur:
Malavenda ist verschwunden.

Und dann erzählte er Kraut von Malavendas Recherchen, von dieser Firma, die höchstwahrscheinlich ein Weltuntergangs-Spezial-Servicepaket anbietet, von den Bunkerbauern, Preppern und Apokalypse-Afficionados. Und erzählte, Malavenda hätte sich einen dieser Bunkereingänge zeigen lassen wollen, sei seither aber nicht mehr aufgetaucht.

Krissy Kraut hörte zu. Dann fragte sie: Wenn ihr wüsstet, wer ihm den Bunkereingang zeigen wollte, hättet ihr mich nicht angerufen, stimmt᾽s?

Dann hätten wir zuerst mit dem gesprochen, klar. Aber Malavenda war in dieser Sache sehr vorsichtig. Soviel ich weiss, trägt er auch keine Notizen mit sich herum. Alles, was er sich aufschreibt, stellt er in seine eigene Cloud, und die ist ziemlich gut gesichert, physisch und elektronisch.

Und ihr geht davon aus, dass er hier in Bern oder in der Nähe einen geheimen Bunker anschauen wollte.

Das nehmen wir an, ja, antwortete Boscardin. Aber wo, keine Ahnung.

Sein Smartphone hat er ausgeschaltet, nehme ich an.

Richtig, und selbstverständlich hat er auch das GPS deaktiviert. Gibt ja allerlei Apps, mit denen man mehr oder weniger verlässlich Mobiltelefone orten kann – auch wenn das in der Schweiz nicht ganz legal ist. Die Leute, mit denen er es zu tun hatte, scheren sich aber nicht immer darum, ob etwas legal ist oder nicht.

Eine Antennenortung klappt auch bei ausgeschalteter GPS-Funktion. Ist aber hier nicht so einfach zu machen. Erstens sind wir nicht in Deutschland, und zweitens ist das keine Folge von Tatort. Aber ich schau mal, was ich machen kann.

Für einen kurzen Moment war es still, Kraut schien an etwas herumzudenken.

Wart mal, ich glaube, ich habe eine Idee, wer uns vielleicht weiterhelfen könnte. Ich fahr rasch in den Breitenrain und meld mich, sobald ich mehr weiss.

Und schon tutete das Signal einer unterbrochenen Leitung in Boscardins Telefon.

Kurze Zeit später klingelte Krissy Kraut bei ihrer Nachbarin.

Oh, Frau Kraut, das ist aber eine hübsche Überraschung. Kommen Sie doch herein. Soll ich uns noch einen Tee kochen?

Danke, sehr nett, sagte Kraut, übersah den Kleiderbügel, den ihr ihre Veronika entgegenstreckte, ich bin etwas in Eile und hätte eine wichtige Frage. Hatte die P26 auch hier in Bern geheime Anlagen?

Wir waren zwar stark dezentral organisiert, aber in Bern, in der Bundestadt, hatten wir natürlich auch eine gewisse Infrastruktur. Stellen Sie sich etwa vor, eine Besatzungsmacht hätte in Bern eine Marionettenregierung eingesetzt. Wenn Sie die nun aus dem Untergrund, also durch geheime Stollen und Zugänge, entführen oder liquidieren können, dann ist das ein ziemlich starkes Zeichen des Widerstands.

Dürfen Sie verraten, wo es solche geheimen Bunker und Stollen gab?

Mhm, Veronika nickte. Von der Geheimhaltungspflicht sind wir mittlerweile befreit. Einige ehemalige Kollegen empfinden das gewissermassen als rückwirkenden Verrat. Mich kümmert das wenig. Ich bin niemandem mehr etwas schuldig. Aber setzen wir uns doch ins Wohnzimmer. Auch wenn᾽s eilig ist, ist das besser für meine Hüfte.

Selbstverständlich, bitte entschuldigen Sie, sagte Krissy Kraut, folge Veronika ins Wohnzimmer und setzte sich, noch dick in ihre Winterjacke eingepackt, auf einen gepolsterten Stuhl.

Also, begann Veronika. Kennen Sie das Bibliotheksgebäude in der Münstergasse?

Klar kannte Krissy Kraut die Bibliothek in der Münstergasse. Das Gebäude war erst vor kurzem saniert worden, mit prächtigen neuen Räumen im alten Gemäuer und vor allem mit einer hübschen Cafébar. Und wenn sie nicht alles täuschte, arbeitete Bielis neue Bibliotheksfreundin an diesem Standort der Universitätsbibliothek.

Beim vorletzten grossen Umbau Ende der 1960er-Jahre wusste man nicht recht, kommt die grösste Gefahr von aussen, also von Osten, oder von innen, also von den revolutionären Kräften, die sich zu formieren schienen. Just am 1. Mai 1968 hatte man mit dem Umbau begonnen. Als Gudrun Ensslin und Andreas Baader zum ersten Mal im Gefängnis sassen, als es in Paris gärte und brodelte. Zufall?

Und 1969 angeblich ein Wasser-Kies-Einbruch im Stollen, der unter der kalten Küche des Kultur-Casinos zur Aare führte, an Pfingsten ausgerechnet – aber nicht der Heilige Geist war᾽s,  sondern ein Vorwand, um zusätzliche Stollen, hinter leicht beweglichen Bücherregalen versteckte Geheimgänge zu graben. Bis zum alten Ehgraben und bis unter das Hauptgebäude der Uni zum Bahnhofskomplex, der – was für ein Zufall – ebenfalls in jenen Jahren neu gebaut und erst mit viel Verspätung fertiggestellt wurde.

Dass uns das gelungen ist, dass man uns diese Geschichten mit dem Wasser-Kies-Einbruch und den Verzögerungen beim Bahnhofsbau einfach so abgenommen hat, darauf haben wir uns einiges eingebildet, das können Sie sich ja denken.

An der Münstergasse unter dem historischen Bibliotheksgebäude, wo einst der Garten des Barfüsserklosters und später der Botanische Garten lagen, war also unsere Zentrale. Eine Fünf-Atü-Druckzelle über zwei Stockwerke, die einiges ausgehalten hätte, gut zwanzig Meter unter dem Boden, feuerfest und wasserdicht.

Der grosse Schiffsdiesel und die Wasseraufbereitungsanlage im Fluchtstollen, der unter dem Casino zum Frickweg über der Aare führte, waren nur nette Staffage, die man bei Führungen dem staunenden Publikum und den Vertretern von Politik und Verwaltung zeigen konnte. Dahinter, in den geheimen Kavernen, warteten weit grössere und potentere Anlagen, eine gut ausgebaute Sanitätsstation und Vorräte für mindestens zwanzig Jahre.

Deutlich sah Veronika die schweren leuchtend orangen Panzertüren vor sich, den schmalen Fluchtstollen, der sich weit unten im grellen Licht der Leuchtstoffröhren verlor.

Unglaublich, entfuhr es Krissy Kraut. Und was ist mit diesen Stollen und Bunkern passiert, die Sie in Bern und sonstwo gegraben haben?

Militärisch genutzt werden nur noch wenige. Soweit ich weiss, wurden einige an besonders hübschen Orten für die Öffentlichkeit freigegeben, andere wurden zugemauert, vergessen oder an private Nutzer verkauft.

Vielen Dank, verabschiedete sich Kraut, ich glaube, das bringt uns weiter.

Gern geschehen, ich freu mich, wenn ich Ihnen helfen konnte, antwortete Veronika und freute sich noch mehr darüber, wie gut ihr Gedächtnis funktionierte. Das Trainingsprogramm, mit dem sie geübt hatten, möglichst viel auswendig zu lernen, um nicht auf Geschriebenes angewiesen zu sein, schien sich ausbezahlt zu haben.

Was Veronika nicht auffiel, war, dass sie sich bemerkenswerterweise besser daran erinnern konnte, was sie damals geplant, entworfen, sich ausgemalt, spintisiert hatten, als an das, was sie tatsächlich gemacht und organisiert hatten.

Die tägliche Arbeit, die langen Sitzungen, die trockenen Protokolle, die immer gleichen Handgriffe und Abläufe dämmerten in einem grauen Kämmerchen ihres Gedächtnisses. Und all die Pläne, Verschwörungen, Szenarien, die sie entworfen und in die grosse Erzählung des Kampfes für die Freiheit und die Heimat eingefügt hatten, waren frischer denn je und hatten die Erinnerungen an das Reale längst verdrängt.

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