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11. Kapitel

in dem ein Song von Kurt Weill gespielt wird und sich Krissy Kraut an den Kindermord von Bethlehem erinnert.

Gaia Bachofen war mit blossen Füssen in ihre weichen und warmen Filzschuhe gestiegen und hatte sich draussen im Garten des Instituts für Rechtsmedizin auf eines der Holzbänkchen gesetzt.

Diesen Garten wird sie bestimmt vermissen, wenn ihr Institut ins neue Laborgebäude an der Murtenstrasse ennet der Bahnlinie ziehen wird. Vielleicht nicht gerade der weisse Tank mit dem flüssigen Stickstoff, aber die Obstbäume an der Mauer zur Sahlistrasse hin werden ihr fehlen; und ganz gewiss wird sie den kleinen Teich vermissen, an dem die Schilfrohre flüstern und rascheln.

Zwei Raben hockten auf einem der Birnbäume und guckten neugierig. Es war kalt, aber Schnee lag längst keiner mehr. Sie konnte schon riechen, wie nah der Frühling war. Das Erdige, das nicht gerade in die Nase stach, eher ein Versprechen war, roch zusammen mit dem Leichengeruch, der an ihren Kleidern und ihrer Haut haftete, ja, irgendwie ganz. Nicht wie die Jubeldüfte des Frühlings oder die satten Pflaumen- und Birnengerüche des Herbsts, sondern einfach ganz, so, als ob etwas für einen kurzen Moment komplett wäre.

Eine Wohltat, nachdem sie eben am Mageninhalt eines Toten nach Alkohol, Drogen und Gift geschnüffelt hatte. Danach hatte sie das Hirn mit einem grossen Metzgermesser in zentimeterdicke Scheiben geschnitten und nach Blutungen und Hinweisen auf Kontusionen, Prellungen gesucht. Mit dem sehr ungewöhnlichen Fall von Kraut und Boscardin hatte diese Leiche, bei der sie keine Spuren von Fremdeinwirkung hatte feststellen können, nichts zu tun.

Die Sonne war eben hinter den Jugendstilhäusern an der Sahlistrasse untergegangen, und am fast blutroten Himmel zeigte sich der Abendstern.

Krissy Kraut wollte sich noch eine Portion Gerstensuppe aufwärmen. Ohne Fleisch, davon hatte sie in den letzten Tagen genug gesehen. Es war hektisch gewesen heute. Und sie war gar nicht unglücklich darüber, dass ihr Nachbar, der Musiker Wegge Wegelin, auf seinem Saxophon – hatte Wegge seit neustem ein Bass-Sax? – als hübsche Fingerübung wieder mal einen Standard spielte, einen Song von Kurt Weill,

zu dessen wunderschön getragener Melodie Kraut gern den Text gekannt hätte:

Before Lord God made the sea and the land
He held all the stars in the palm of his hand
And they ran through his fingers like grains of sand
And one little star fell alone

Sie hatte sich eben auf den Heimweg machen wollen, da waren die ersten Ergebnisse des Kriminaltechnischen Dienstes reingekommen.

Feinste Gewebespuren hatten die Kolleginnen und Kollegen in der Vakuumkammer gefunden. Da hatte also tatsächlich jemand anderes im Sinn gehabt, als die Sterne und ferne Planeten zu erforschen. Die DNA-Analyse würde morgen zeigen, ob das Gewebe von der Leiche stammte, die zerfranst und zerrissen in einer von Gaia Bachofens Kühlboxen lag. Und ob es Etter gewesen war, den jemand in der Vakuumkammer hatte platzen lassen.

Natürlich war das alles hochsensibel. Aber lange würde es wohl nicht dauern, bis etwas durchsickern und Gerüchte wuchern oder Leserreporter Filmchen an Online-Zeitungen schicken, die zeigten, wie Bieli rasant vor dem Gebäude der Exakten Wissenschaften vorfährt und gleich danach der kriminaltechnische Dienst sein Material auslädt.

Die Medienstelle der Universität (corporate communications) war auf jeden Fall bereits im Notfallmodus und hatte schon die Erklärung vorbereitet, nationale und internationale Forschungsgelder, die Spitzenforschung und die Reputation des Center for Space and Habitability seien durch diesen sehr tragischen Vorfall nicht gefährdet. Und selbstverständlich würde die Universität uneingeschränkt mit den ermittelnden Behörden zusammenarbeiten.

Die Aufregung bei den Kommunikationsprofis würde aber morgen noch etwas grösser werden. Dann, wenn jemand einen neutralen Briefumschlag ohne Absender öffnen und Sätze liesen würde wie

Wer Tiere tötet, ist ein Mörder und muss bestraft werden. Wir werden ihn bestrafen.

Kraut nahm die Pfanne mit der Gerstensuppe vom Herd. Einen Teller hatte sie nicht bereitgestellt. Ein paar Löffel voll direkt aus der Pfanne, dazu ein Stück Brot, das würde heute reichen.

Ihr Kater Lennox strich ihr um die Beine und blinzelte sie langsam und freundlich an, obwohl sie einen Pulli in irgendeinem Grün trug, das wie rot für alle Katzen einfach nur grau ist. Lennox, der rote Tiger, sieht sich vielleicht selbst als grau gestreiften Kater.

Er kaute an ein paar Stückchen Rinderherz herum, schlappte etwas Wasser und liess sich nochmal den Kopf kraulen. Dann machte er sich davon, hinaus in die Nacht.

Sirius stand hell am südlichen Winterhimmel. Lennox musterte ihn misstrauisch aus den Augenwinkeln. Er mochte ihn nicht, keine Ahnung, wieso.

Die Nacht war klar und kalt. Nicht dieses verschmiert Düstere der Vorweihnachtszeit. In die trübe November- und Dezemberfinsternis mischte sich bei Kraut immer dieses merkwürdige Gefühl von früher.

Lange und öde Nachmittage in irgendwelchen Probesälen oder kalten Kirchen. Ihre Eltern hatten gefunden, die sehr sportliche Tochter müsste auch eine musische Bildung geniessen. Mit ihrer Gitarre kam die rasch wachsende Crescenzia Kraut einigermassen zurecht. Weil sie aber die Gleichaltrigen um einen oder eineinhalb Köpfe überragte, wurde ihr bei der grossen Weihnachtsaufführung die Rolle des knabenmordenden Hauptmanns zugewiesen.

So meuchelte sie auf Geheiss des Herodes die Kinder Bethlehems und fuchtelte vor dem Jugendorchester und dem grossen Chor der regionalen Musikschule mit einer ramponierten Puppe und einem Theaterdegen herum.

In ihrer grünen Phantasieuniform, zu der bemerkenswerterweise ein orangefarbenes Stirnband gehörte, das sie aussehen liess, als sei sie eine Kung-Fu-Kämpferin in einem Bruce-Lee-Film, wütete sie durch das stilisierte Bethlehem zwischen dem Altar und dem Emporenaufgang herum. Nach vier oder fünf Aufführungen war sich Krissy Kraut aber nicht mehr sicher, ob sie nicht lieber durch die ersten Geigen oder die Blockflötengruppe als durch ein Kulissenbethlehem berserkern wollte.

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